Archiv für Autor „Werner Bartens“

Das Medikament als Risiko

Was wirkt, hat Nebenwirkungen. Wie etwas wirkt und welche Folgen auftreten können, ist auch heute, 50 Jahre nachdem Contergan auf den Markt kam, bei vielen Medikamenten noch unbekannt. Noch unklarer ist häufig, welche Wechselwirkungen Arzneimittel mit anderen Mitteln eingehen und was Pharmaka, die an jungen, gesunden, erwachsenen Männern getestet wurden, im Körper von Kindern, Alten, Schwangeren oder Schwerkranken auslösen können.

Aus diesen Gründen ist es umso wichtiger, Zulassung und Anwendung von Medikamenten streng zu kontrollieren. Nur so können Risiken für Patienten wie Gesunde verringert werden – auszuschließen sind sie nie. Die Überwachung und Beurteilung neuer wie zugelassener Medikamente weist jedoch immer noch gravierende Schwachstellen auf. 50 Jahre nach der Contergan-Tragödie bewilligen nationale wie internationale Behörden die Marktzulassung von Medikamenten noch immer auf Grundlage der Papiere und Daten, die ihnen die Pharmaunternehmen selbst vorlegen. Kritische und unabhängige Arzneimittelforschung findet kaum statt.

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Der Preis der Heilung

Wie viele Opfer die Medizin fordert, weiß niemand. Weder die Zahl der Todesfälle noch die schwerer Nebenwirkungen und Schäden ist bekannt. Viele Fehler, Irrtümer und Komplikationen werden nicht als solche erkannt. Manchmal können weder Ärzte noch Patienten sagen, ob die verzögerte Heilung nach einer Operation darauf zurückzuführen ist, dass der Eingriff mäßig gelungen, das Medikament danach nicht angemessen oder die Konstitution des Kranken zu angegriffen war.

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Die Medikalisierung des Alltags

Die Pathologisierung der Lebensläufe unter dem Diktat der Normalität hat erhebliche Ausmaße angenommen: Mehr als die Hälfte aller Schwangerschaften gilt als Risikoschwangerschaften, neu im Angebot sind auch die Diagnosen Schreikind, Wechseljahre für den Mann, Glatzenbildung bei der Frau. Zudem tragen alle Menschen genetische Risiken als biologische Zeitbomben mit sich, und der körperliche Verfall, so suggerieren Anti-Aging-Propheten, schreitet ständig fort. Ein weites Feld für Heilkundige wie Scharlatane aller Art.

Immer häufiger ist nicht mehr nur von möglichen Komplikationen einer Erkrankung die Rede, sondern auch von Risiken der Prävention, Diagnostik oder Therapie. Die Medizin schafft sich damit einen Teil ihres Bedarfs selbst: Unter den Schlagwörtern »Screening« und »Risikominimierung« werden Gesunde vorbeugend untersucht und behandelt. Schon jetzt gibt es in Arztpraxen immer mehr Gesunde mit Befunden, die keine Bedeutung haben, und immer mehr Kranke ohne Befund.

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Diffuse Heilslehre statt konkrete Hilfe für Patienten

Der Bundestag hat entschieden. Die Stichtagsregelung zur Gewinnung embryonaler Stammzellen wird vom 1. Januar 2002 auf den 1. Mai 2007 verschoben. Damit hat Wirtschaft über Moral und Forschung über Patienteninteressen gesiegt. Zudem hat es diese vergleichsweise neue Forschungsrichtung erneut geschafft, einen Großteil der gesellschaftspolitischen Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Medizinisch gerechtfertigt ist das nicht, denn spannend ist die Stammzelldebatte seit Jahren hauptsächlich als Anschauungsmaterial für beharrliche Akzeptanz-Rhetorik.

Keine Diskussion über Stammzellen kommt ohne die beruhigende Weissagung aus, dass mit Hilfe von Stammzellen schon bald Leiden wie Alzheimer, Parkinson, Diabetes oder Herzinfarkt ihren Schrecken verlieren werden. Kranke Zellen sollen durch gesunde ersetzt werden. So einfach ist das. Lediglich über den Zeitpunkt, zu dem die gelobte Therapie über die Menschen kommen wird, sind sich ihre Propheten noch uneinig. So wird aus vager Heilshoffnung eine Heilslehre.

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