Kapitalismuskritik in Davos
Die Systemdebatte hat nun auch die Wirtschaftsführer erreicht. Als sie in Davos unter sich waren, diskutierten die Top-Manager und Politiker über die Frage, ob sich das (einstige) Erfolgsmodell überlebt hat. Die öffentliche Kritik, medienwirksam vorgetragen von der globalen Occupy-Bewegung, hat also Spuren hinterlassen. Inhaltlich ist schnell beantwortet, ob das System noch zeitgemäß ist: Reformbedürftig ist die Art des Finanzkapitalismus, der uns den Schlamassel der letzten Jahre eingebrockt hat. Außerhalb des Finanzsektors – also dort, wo sonstige Dienstleistungen und physische Waren gehandelt werden – hat sich die Marktwirtschaft hingegen glänzend bewährt.
Die Systemdebatte ist also nicht so grundsätzlich wie in den siebziger und achtziger Jahren zu führen. Vielmehr muss heute eine gedankliche Trennlinie zwischen der Finanz- und der Realwirtschaft gezogen werden, um dann vorrangig die richtige Regulierung des Finanzsektors zu diskutieren. Wir haben diese Trennung in unserem Buch vorgenommen und verschiedene Lösungsvorschläge skizziert.
Die Kapitalismusdebatte legt aber noch ein anderes Problem offen: Auch eine gute Wirtschaftsordnung braucht den Wettbewerb. Nach dem Bankrott der sozialistisch-kommunistischen Ideologie ist die Marktwirtschaft zum ordnungspolitischen Monopolisten geworden. Wo Konkurrenz fehlt, macht sich Gemütlichkeit und Selbstzufriedenheit breit. Dies gilt eben auch für Fragen des Wirtschaftssystems. Wer in den vergangenen 10 Jahren über die grundlegenden (auch moralischen) Elemente der Wirtschaftsordnung diskutierte, war ein Exot. Zu offensichtlich war die Überlegenheit des Marktes, zu lukrativ waren die wirtschaftlichen Chancen, die sich mit der Globalisierung ergaben. Wer braucht da Systemdebatten?
Offensichtlich sind wir bei solch tiefgründigen Themen aus der Übung gekommen. Das erklärt die Ratlosigkeit, von der heute viele befallen sind. Viel Zeit haben wir nicht, die Ratlosigkeit zu überwinden. Denn die Chinesen erobern unterdessen mit ihrem eigenen Wirtschaftsmodell die Welt – und nagen damit inzwischen am Selbstbewusstsein der westlichen Gesellschaften. Es ist also höchste Zeit die Sprachlosigkeit zu überwinden und die Vorzüge von Freiheit, Wettbewerb und Privateigentum so zu formulieren, dass mit unserem Erfolgsmodell der sozialen Marktwirtschaft wieder Staat zu machen ist.


