Eine Herleitung Teil II

Es gibt verschiedene Anschauungen über die Ursprünge von Aggression und die Bedingungen aggressiven Verhaltens. Im letzten Beitrag habe ich Ihnen kurz die Psychoanalyse, die Frustrations- Aggressionstheorie und den lerntheoretischen Ansatz vorgestellt. Hier folgen nun zwei weitere Theorien.

4. Verhaltensforschung (nach Lorenz, Eibel-Eibesfeldt)

Nach der Verhaltensforschung handelt es sich bei der Aggression um einen angeborenen Trieb (Instinkt). Dieser Trieb ist nicht primär auf die Zerstörung anderer gerichtet sondern dient der Arterhaltung (Beuteverhalten, Rivalitätskämpfe, Fortpflanzung und Verteidigung des Territoriums). Der Verhaltensforscher Konrad Lorenz unterscheidet zwischen der zwischenartlichen Aggression und der innerartlichen Aggression. Die innerartliche Aggression ist die gefährlichere Variante. Sie dient der Territoriumsverteidigung, der Selektion der Stärksten für die Fortpflanzung, der Herstellung einer Rangordnung oder der Sicherung der Brutpflege und der Familie.
Durch Änderung der Umweltbedingungen können angeborene Verhaltensmuster aus dem Gleichgewicht gebracht werden und destruktiv entarten.

5. Ansätze aus systemisch soziologischer Sicht (nach U. Beck, Levold, Wedekind)

Aus systemisch soziologischer Sicht wird Gewalt nicht als Ausdruck eines Aggressionstriebes oder als unabänderliche persönliche Eigenschaft verstanden. Sie wird vielmehr als primitiver Coping-Mechanismus (Konfliktreaktionsmuster: Kampf und Flucht) gesehen. Gewalttätig eskalierende Konflikte lassen sich mit spezifischen Ressourcenzugangsbeschränkungen und Ressourcenarmut in Verbindung bringen. Eng verbunden damit ist sozioökonomischer Stress, der auf Ressourcenmangel basiert. Dabei geht es um biologische, anthropologische, psychische, soziale und kulturelle Ressourcen, die nur in ungenügendem Maße zur Verfügung stehen.
Solche Ressourcen können sowohl materielle und soziale Umweltbedingungen (wie Einkommen, Wohnlage, Arbeit, Klassenzugehörigkeit, Verfügbarkeit von Dienstleistungen und institutionalisierten Hilfsangeboten, Religion, Bildungsstand, soziale Vernetzung) als auch biopsychosoziale Faktoren (wie Bindungsfähigkeit, Gesundheit, Sicherheit, Selbstvertrauen und Ich-Integrität) sein.
Entsteht nun ein überdimensionaler Mangel an diesen Ressourcen, kann das zu aggressivem Verhalten führen.

Diese fünf Theorien zeigen, wie unterschiedlich die Gründe für Gewalt und Aggression gesehen werden können. Nach meiner Meinung wird keine Theorie für sich genommen dem Problem „Gewalt“ gerecht. Die Ursachen von Gewalt müssen in den meisten Fällen multi-kausal als auch multi-faktoriell betrachtet werden.

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