Der Moral Hazard blüht, wächst und gedeiht

Und wir hatten gehofft, man würde ihn zur Kümmerpflanze austrocknen lassen. Ist aber nicht der Fall. Im Gegenteil, er wird auch noch gedüngt, so dass er sich kräftig verwurzeln kann. Moral Hazard, ein Begriff, für den es im Deutschen keine griffige Übersetzung gibt, denn “Moralisches Risiko” trifft den Sachverhalt nur unzutreffend, war schon bei der großen Finanzkrise, die 2008 ihren Höhepunkt nahm, einer der Hauptschuldigen. Das war die Tatsache, dass die Banken darauf vertrauten, dass signifikante Verluste oder Pleiten im Bankensystem vom Staat/Steuerzahler getragen würden. Während die Gewinne privatwirtschaftlich vereinnahmt wurden, sei es durch Dividenden und Kursgewinne für die Bankaktionäre, sei es durch hohe Vergütung/Boni für die Top-Manager und die in der Investmentsparte Beschäftigten. Der Moral Hazard hatte dazu geführt, dass die Banken wegen der impliziten Staatsgarantie höhere Risiken eingegangen waren als es ohne einen staatlichen Schutzschirm gerechtfertigt gewesen wäre. Wozu das geführt hat, haben wir gesehen und wir werden noch Jahre und Jahre unter den Folgen leiden.

Folglich sollte der Moral Hazard eingedämmt werden. Neue Regularien, wie zum Beispiel ein höheres Eigenkapital und eine geringere Fremdverschuldung der Banken, ihre Verkleinerung, eine bessere Separierung zwischen klassischem und spekulativem Bankgeschäft oder auch die Bankenabgabe oder eine Transaktionssteuer werden diskutiert. Nur leider hat man es bisher beim Diskutieren belassen, passiert ist noch nichts. Die Politiker auf der globalen Bühne sind sich nicht einig. Klienteldenken herrscht vor und die Finanzlobby macht ihrem Ruf als mächtigstem Lobbyverband auf der Welt alle Ehre.

Jetzt haben wir schon wieder eine große Finanzkrise. Diesmal betrifft es die Zahlungsfähigkeit europäischer Staaten und damit die Überlebensfähigkeit der Eurozone. Die europäischen Politiker haben, zusammen mit dem IMF und der EZB, am Wochenende ein riesiges Rettungspaket geschnürt. Das ist ausdrücklich zu begrüßen, aber der Moral Hazard ist wieder einmal der Sieger. Man musste sich nur Tags darauf den Kursanstieg von Bankaktien anschauen: Freudensprünge von 10-20%. Da konnte man beinahe feuchte Augen bekommen. Die Banken kommen weiterhin ungeschoren davon, ihre satten Gewinne werden weiterhin privatwirtschaftlich vereinnahmt, potentielle Verluste werden weiterhin auf Steuerzahlerkosten vermieden.

Wann werden sich die Politiker endlich zu neuen und durchgreifenden Regeln für das Finanzwesen durchringen, anstatt von den Finanzmärkten durchs Dorf gejagt zu werden?

Doch leider ist auch ein anderer Moral Hazard offensichtlich geworden: Staaten in der Eurozone werden gerettet – auch wenn sie sich haushalterisch nicht an das halten, was sie laut Stabilitäts- und Wachstumspakt versprochen haben. Dem Funktionieren des Systems gilt absolute Priorität. Und sie werden gerettet auf wessen Kosten? Na logisch, auf Kosten der Steuerzahler der anderen Staaten. Das muss nicht, könnte sich aber als fatal erweisen.

Nun ist die Eurozone eben nicht nur ein wirtschafts- und währungspolitisches Unterfangen, wie (zu) viele Kommentatoren es so gerne darstellen, sondern auch die politische Krönung der europäischen Einheit und des europäischen Zusammenwachsens. Hierfür müssen Opfer gebracht werden. Aber die derzeitige Zahlungsbilanzkrise einiger europäischer Staaten führt uns ganz deutlich vor Augen, was schon seit Einführung der Gemeinschaftswährung erkannt, aber unter den Tisch gefegt wurde. Nämlich dass an den Verträgen bezüglich des Funktionierens der Eurozone erheblicher Nachbesserungsbedarf besteht. Auch hier ist die Politik gefordert.

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