Wir brauchen eine starke Staatengemeinschaft

Viel populärer, aber pro eingesetztem Euro nicht ganz so wirksam wie die Effizienzsteigerung sind die erneuerbaren Energien. Auch sie spielen für den Klimaschutz eine tragende Rolle. Doch die wilde Biospritexpansion in Brasilien und den USA zeigt, dass nicht alles gut ist, was sich „erneuerbar“ nennt.

Achim Steiner, der deutsche Exekutivdirektor des UNO-Umweltprogramms UNEP, denkt ähnlich wie die Autoren von Faktor Fünf. Er hat nach dem Ausbruch der Banken- und Wirtschaftskrise einen Global Green New Deal angeregt – in Erinnerung an Präsident Roosevelts New Deal der frühen 1930er Jahre, dem Befreiungsschlag in den USA nach der großen Wirtschaftskrise. Inzwischen hat sich der Gedanke zu einer Green Economy Initiative fortentwickelt. Bei dieser machen auch andere UNO-Organisationen, unter ihnen die UNIDO oder die UNO-Industrieentwicklungsorganisation mit.

Die Langfrist-Perspektive ist ein sechster großer Wachstumszyklus, in Fortsetzung der fünf „Kondratjewzyklen“ der letzten 200 Jahre. Das wäre ein Zyklus, der Ingenieure, Investoren und das Volk in allen Ländern ansteckt, so wie es etwa mit der Informationstechnik und Internetrevolution oder davor mit Eisenbahnen, Strom, Chemie, Autos oder Fernsehen der Fall war. Nur diesmal läge die Faszination nicht in weiteren Eroberungen weißer Flecken auf der Landkarte oder weiteren Konsumorgien. Vielmehr ginge es jetzt im „grünen“ Kondratjewzyklus darum, aus dem lebensbedrohenden Keil, der Wirtschaft und Umwelt spaltet, einen neuartigen, heilenden Kitt zu machen.

Machen wir uns aber nichts vor. So eine neue Industrielle Revolution kommt nicht von alleine, und schon gar nicht allein vom „Markt“. Dieser lenkt uns erst dann in die richtige Richtung, wenn es viel zu spät ist. Der Markt merkt das Überfischen ja erst, wenn die Fangflotten trotz totaler technischer Hochrüstung mit weitgehend leeren Netzen heimkommen. Der Markt ist weitgehend zukunftsblind. Wir brauchen ein starkes öffentliches Bewusstsein, einen starken Staat und eine starke Staatengemeinschaft, um die überlebensnotwendige Umsteuerung rechtzeitig in Gang zu setzen.

Der Staat muss dafür sorgen, dass die Preise wenigstens angenähert die „ökologische Wahrheit“ sagen. Sonst rentieren sich weiterhin Raubbau, Energieverschwendung und Denkfaulheit. Märkte sind ausgezeichnet, um für Effizienz und Innovation zu sorgen, wenn die Preise stimmen. Märkte sind dagegen schlecht, oft sogar kontraproduktiv, wenn es um die Sicherung und den Schutz öffentlicher Güter geht. Oder wenn es darum geht, den Fortschritt in eine langfristig nachhaltige Richtung zu lenken.

Faktor Fünf plädiert dafür, die Preise für Energie, Wasser und Primärrohstoffe in kleinen, sehr langfristig vorhersehbaren Schritten anzuheben. Uns schwebt vor, dies einfach im Gleichschritt mit der gemessenen Erhöhung der Energie- und Ressourcenproduktivität zu tun. Die monatlichen Kosten für Energie, Wasser und andere Rohstoffe steigen dann durchschnittlich nicht, also gibt es weder soziale Nöte noch wirtschaftsschädigende Kapitalvernichtung. Und doch würden sich Investoren, Ingenieure, Händler und Konsumenten von der Erwartung steigender Naturverbrauchspreise beeinflussen lassen und den Gang der Effizienzverbesserung beschleunigen. Das ist genau die Dynamik, die die Welt braucht.

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