Zero Tolerance am Esstisch

Im Big Apple wird ungesunder Ernährung mit drastischen Mitteln der Kampf angesagt

Es mag Zufall sein, dass die Studie, die einmal mehr behauptet, Übergewicht werde schon in naher Zukunft das Rauchen als Gesundheitskiller Nummer eins ablösen, eine Co-Produktion des New Yorker City Colleges und der New Yorker Columbia Universität war.

Jedenfalls ist New York nicht nur die Stadt, die als erste drastische Maßnahmen gegen den Tabakkonsum erhoben hat – hier wurde schon 1997 das Rauchen in Bars untersagt – sondern es scheint auch die Metropole werden zu wollen, die am konsequentesten gegen den dicken Bauch vorzugehen gedenkt.

Schon im Jahr 2006 hat die Stadt den Gebrauch von Transfettsäuren durch die Gastronomie untersagt. An den Schulen im Big Apple gibt es schon lange statt Cola nur noch Wasser und Apfelsaft zu kaufen und selbst Milch mit normalem Fettgehalt ist dort seit einiger Zeit Tabu. Doch das alles ist dem ambitionierten Bürgermeister Bloomberg noch nicht genug. Und so sind seit Sommer 2008 die New Yorker Fast-Food- und Restaurantketten verpflichtet, den Kaloriengehalt ihrer Menüs auszuweisen.

Der Erfolg der Kalorienzählerei ist strittig: Zwar konnte eine Studie der Universität Stanford belegen, dass der durchschnittliche Kaloriengehalt einer Bestellung in den New-Yorker Starbucks-Filialen seit der Einführung der Kalorientabellen um sechs Prozent rückläufig war, während in den Kontrollstädten Boston und Philadelphia, in denen Starbucks den Kaloriengehalt seiner Bagels, Doughnuts und Kaffeespezialitäten nicht ausweist, alles beim Alten blieb. Eine andere Studie, die sich nicht Starbucks, sondern Wendy’s, Burger King und Kentucky Fried Chicken-Filialen in armen Stadtteilen zum Gegenstand genommen hat, konnte hingegen nachweisen, dass der ausgewiesene Kaloriengehalt keinen Einfluss auf die Wahl der Kunden hatte.

Während bei Starbucks nicht nur Kaffee und Kuchen, sondern auch ein Lebensgefühl verkauft wird, dass sich viele gar nicht leisten können – ein großer Frapuccino kostet locker vier Dollar – geht es bei besagten Wettbewerbern vor allem um kostengünstige Sättigung. Gekauft wird, was preiswert ist und satt macht. Burger, Fritten und Cola gibt es bei McDonald’s und Co schon für einen Dollar und selbst ganze Menüs kosten selten mehr als ein Becher Edelkaffee bei Starbucks. Die Tatsache, dass die Kundschaft dieser Fast-Food-Ketten ihr Kaufverhalten seit Einführung der Kalorientabellen nicht verändert hat, liegt dann auch weniger an der unterstellten Ignoranz, sondern ganz einfach daran, dass man sich hier solche Extravaganzen wie einen Low Fat Muffin gar nicht erlauben kann.

Während die Zahl der Übergewichtigen in den USA seit der Jahrtausendwende stagniert, bricht sich spätestens seit der Ausbruch der Wirtschaftskrise 2008 im selbsterklärten „land of plenty“ eine ganz andere Epidemie Bahn. Die Zahl der US-Amerikaner, die auf Essensmarken angewiesen ist, stieg binnen Jahresfrist um 5 Millionen auf jetzt insgesamt über 36 Millionen und jeden Tag werden es 20.000 mehr. Noch dramatischer nimmt sich eine andere Zahl aus: 50 Millionen US-Amerikaner, dass sind fast 15 Prozent der Bevölkerung, leiden unter „food insecurity“, dass heißt, sie haben zumindest zeitweise nicht genug Geld um sich satt zu essen. Dass „food insecurity“ und Übergewicht ursächlich zusammenhängen, ist längst gut untersucht. Das Phänomen ist dasselbe wie bei Menschen, die versuchen, mittels so genannter Crash- oder Null-Diäten innerhalb kurzer Zeit stark an Gewicht zu verlieren. Auf die – in diesem Fall ungewollte – Fasten-Periode erfolgen, sobald wieder genug zu essen da ist, Heißhungerattacken. Die Kalorienzahl bleibt unterm Strich etwa gleich. Dummerweise reagiert aber der Körper auf die temporäre Hungerphase durch besonders intensives Speichern der eingehenden Kalorien. So erklärt sich, warum eine unregelmäßige Kalorienaufnahme, gleich ob der Kühlschrank bewusst geleert wurde, oder aus Geldmangel nicht mehr gefüllt werden konnte, eher zu einer Gewichtszunahme führt als regelmäßiges Essen.

Mit der Politik des Zero Tolerance gegenüber ungesundem Essen verhält es sich nicht anders als mit der Politik des Zero Tolerance gegenüber unerwünschten Verhaltensweisen wie Schwarzfahren, Betteln oder Campieren im öffentlichen Raum, für die New York berühmt-berüchtigt ist. Beide richten sich nicht gegen die Ursachen von Armut, sondern gegen deren Symptome.

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Eine Reaktion zu „Zero Tolerance am Esstisch“

  1. Von garcinia cambogia

    Während die Motive keine schlechten sind, ist doch die Herangehensweise nicht besonders gut durchdacht. Es ist eine Sache, Cola und derartige Getränke aus den Schulen zu verbannen und den Schülern die Alternative zu bieten Wasser zu trinken. Aber welche Alternative haben denn die Leute, die nun einmal “nur” das Geld für ein fetthaltiges Pommes- und Burgeressen haben? Wie in dem Artikel bereits beschrieben, kann sich nicht jeder einen Low-fat-Muffin leisten. Es ist bemerkenswert, wie schnell andere auf dickere Menschen zeigen und sagen, sie sollen doch endlich abnehmen. Aber gleichzeitig sind die Geschäfte voll mit Weinhachts- und nun wieder Ostersüßigkeiten…und wer noch nicht genug hat, bekommt gefühlte dreimal in der Woche einen großen Bogen Coupons von einem große Fast-Food-Unternehmen, welches wiedereinmal 5 Burger zum Preis von dreien anbietet…

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