Dück und Dinn

Auch wenn’s um Dück und Dinn geht, rässt sich Rinks und Lechts reicht velwechsern.

Wenn es um die Frage nach den Ursachen der Übergewichts-Epidemie geht, dann gibt es in der Öffentlichkeit zwei gängige Erklärungen. Im ersten Fall, gewissermaßen der linken Problemvariante, sind die großen Lebensmittelkonzerne schuld. Gleich ob Zuckerbrause, Schokoladenhersteller oder Fast-Food-Restaurant. Sie alle verführen uns zum Konsum ungesunder Produkte und machen uns dick und unproduktiv. Und besonders betroffen sind natürlich die, die nicht lesen können und deshalb mit Warnfarben vor den falschen Lebensmitteln gewarnt werden müssen. Die, die gar nicht wissen, wie viel Kalorien Pommes mit Mayo und ein großes Glas Cola enthalten, weil es ihnen immer noch niemand gesagt hat und diejenigen, die noch nie vom köstlichen Vollkornbrot und der selbstgekochten Gemüsesuppe gekostet haben, weil die Ärmsten zuhause immer nur Toastbrot mit Nutella und Fertigpizza zu Essen bekommen haben.

Einspruch heißt es an dieser Stelle von rechter Seite. Es werden ja gar nicht alle dick, sondern nur die, die nicht nur kein Vollkornbrot sondern auch sonst im Leben nicht besonders viel gebacken kriegen. Namentlich die Neue Unterschicht. Und warum werden sie dick? Na jedenfalls nicht wegen der bösen Lebensmittelindustrie: eher schon, weil die Eliten ihre Vorbildfunktion nicht wahrgenommen haben. Stattdessen haben sie der Unterschicht eine kostenlose Krankenversicherung samt Transferleistungen an die Seite gestellt und geglaubt, sich mit Geld von ihrer Verantwortung freikaufen zu können. Werch ein Illtum!

Ein besonders eindrückliches Beispiel des linken Paternalismus in Sachen Übergewicht zeigt die Kampagne gegen eine Mc Donald’s Filiale im Berliner Alternativenstadtteil Kreuzberg. Hatte man früher Mc Donald’s noch seine Gewerkschaftsfeindlichkeit, seine miesen Arbeitsbedingungen und seine mageren Löhne vorgehalten, sahen die Aktivisten aus dem grün-alternativen Lager das größte Problem im Jahr 2007 darin, dass der Konzern mit seinen 1-Euro-Angeboten die armen Kinder aus dem Stadtteil in eine dauerhafte Abhängigkeit von seinen Produkten treibt. Wollte man früher noch Sorgen tragen, dass die miese Arbeit halbwegs entlohnt wird, sorgt man sich heute darum, dass man mit dem miesen Lohn immer noch allzu viele ungesunde Burger kaufen kann.

Spätestens an dieser Stelle nähern sich die linke und die rechte Analyse einander an. Denn beide triefen vor Paternalismus. Nur, dass man auf der linken Seite den leicht Verführbaren das Spielzeug am liebsten ganz wegnehmen möchte. Während man auf der rechten Seite stattdessen auf Sanktionen bei Verletzung der Spielregeln setzt. Mehr Eigenverantwortung nennt man so was heute landläufig, und es bedeutet eigentlich immer die Privatisierung von Risiken, die bislang kollektiv getragen werden. Um eine Analyse der gegenwärtigen Übergewichts-Panik zu finden, die weder dem rechtem noch dem linkem Paternalismus das Wort redet, lohnt ein Blick über den großen Teich.

Lesen Sie morgen was Julie Guthman zum Bulimischen Kapitalismus zu sagen hat.

Tags: none



Einen Kommentar schreiben