Bulimischer Kapitalismus II

Konsum ist, die entsprechende Kaufkraft vorausgesetzt, prinzipiell unendlich. Man kann sich mehrere Autos in die Garage stellen, sich unter Schuhbergen lebendig begraben lassen, begehbare Kleiderschränke mit Stoffen aller Art verstopfen, Immobilien sammeln wie andere Leute Briefmarken, ohne Unterbrechung um die Erde jetten und dabei per Atmosfair sogar noch das Klima retten.

Nur die Nachfrage nach Lebensmitteln ist endlich, und das unabhängig von der Kaufkraft. Zwar lassen sich Lebensmittel bis zu einem gewissen Grad veredeln: Wasser, das angeblich bei Vollmond geschöpft wurde, ist teurer als Jahrgangssekt, Himalajasalze kosten mehr als manche exotische Gewürzmischung. Doch auch mit solchen kreativen Strategien lässt sich das Grunddilemma der Lebensmittelindustrie, dass der menschliche Appetit eben doch endlich ist, nicht auflösen. Was also tun, wenn Märkte im wahrsten Sinne des Wortes gesättigt sind? Ganz einfach, man verkauft den Menschen Nahrungsmittel, die eigentlich gar keine mehr sind.

Ein kleiner Einblick in die Alchemie der Lebensmittelindustrie:
Strecke die Butter zur Hälfte durch Wasser und du darfst sie teurer verkaufen als das Original. Entziehe der Cola den Zucker und verkaufe die braune Brühe mit null Geschmack und selbigem Namen als Wundermittel für bessere Karrierechancen und guten Sex.

Doch es kommt noch besser: denn dass sich durch Light-Produkte zwar gutes Geld verdienen aber kaum abnehmen lässt, ist ein besonders glücklicher Umstand für die Diät-Industrie. Davon profitieren Firmen wie Weight Watchers und Jenny Craig gleich mehrfach. Sie verkaufen nicht nur das halbe Essen zum doppelten Preis, sondern die dazugehörigen Abspeckkurse gleich mit. Die beiden Diätfirmen setzten jeweils pro Jahr etwa 400 Millionen Dollar um. Und von ihren Gewinnmargen können andere Lebensmittelhersteller nur träumen. Jenny Craig, hierzulande kaum bekannt, ist weltweit sogar noch ein bisschen erfolgreicher als die selbsternannten Gewichtsüberwacher. Das hat auch der Lebensmittelmulti Nestlé, der by the way mit dem Verkauf von Schokolade reich geworden ist, mitbekommen und die Firma vor ein paar Jahren für 600 Millionen Dollar aufgekauft.

Schokolade und die passende Diät dazu aus einem Haus, so lässt sich auch aus einem gesättigten Markt noch etwas herausholen. Während die einen dafür sorgen, dass die Mäuler gestopft werden, kümmern sich die anderen mit Hilfe professioneller Diätprogramme darum, dass die vielen Kalorien auch wieder abgebaut werden. Da aber letztere Abteilung bestenfalls sehr bescheidene Resultate produziert, wird immer häufiger zu Medikamenten gegriffen, um die überflüssigen Kalorien auszuscheiden. Und das ist durchaus wörtlich zu nehmen: So sorgen Xenical und alli – die derzeit erfolgreichsten Diätpillen auf dem Markt – dafür, dass der Körper ein Teil der aufgenommenen Fette nicht speichert, sondern direkt ausscheidet, was zu äußerst unangenehmen Durchfällen führen kann.

Die kalifornische Soziologin Julie Guthman von der Universität in Santa Cruz bezeichnet den gegenwärtigen Kapitalismus angesichts dieser Zustände überaus treffend als eine bulimische Kultur, die auf der einen Seite unablässig zum Überkonsum ermuntert und zur gleichen Zeit Schlankheit um jeden Preis fordert.

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