Bulimischer Kapitalismus I
Zu meiner Schulzeit wurden wir von unseren Lehrerinnen und Lehrern ermahnt, unsere Pausenbrote nicht in den Mülleimern zu entsorgen, schließlich gäbe es ja vor allem in Afrika genügend Kinder, die nicht genug zu essen hätten. Der Gedanke, dass wir von den vielen Pausenbroten dick und krank werden könnten, war damals noch nicht so weit verbreitet. Während uns unsere Lehrerinnen und Lehrer dergestalt ermahnten, türmten sich anderswo in der EU, die damals noch EG hieß, die Butterberge, entstanden Weinseen mit den Ausmaßen von Binnenmeeren, wurden minderwertiges aber hochsubventioniertes Gemüse, Innereien und andere Fleischbestandteile, die in Europa keine Abnehmer mehr fanden, auf den afrikanischen Märkten verkauft und versetzten damit den dortigen Kleinbauern endgültig den Todesstoß. Dass Überproduktion und Hunger zwei Seiten der selben marktwirtschaftlichen Medaille sind, wurde uns in der Schule jedenfalls nicht erzählt.
Heute steht eine andere Variante der Konsumkritik im Vordergrund. Zuviel und vor allem zu süßes und fettiges Essen macht uns dick. Insbesondere die immer größeren Portionen verführen uns zum Überkonsum und lassen uns und schlimmer noch unsere Kinder krank werden. Vor allem in den USA wird den großen Lebensmittelkonzernen, Getränkeherstellern, Restaurantketten und Fast-Food-Outlets vorgeworfen, sich auf Kosten der Gesundheit ihrer Kunden zu bereichern.
Richtig ist, dass die US-amerikanische Lebensmittelindustrie ihre Produktion immer weiter ausdehnt. Zwischen 1970 und 1994 stieg die Zahl der pro Tag und Einwohner produzierten Kalorien von 3.300 auf 3.800 Kalorien. Tendenz weiter steigend. Richtig ist auch, viele Lebensmittel werden mittlerweile so billig produziert, nicht zuletzt wegen fragwürdiger Subventionen, dass es sich für die Fast-Food-Konzerne lohnt, ihren Kunden für nur wenige Cent Aufpreis wesentlich größere Portionen zu verkaufen. Das Prinzip ist unter dem Begriff „super sizing“ bekannt geworden.
Zur selben Zeit, in der die Portionen und Getränkebecher immer größer wurden und die Preise für Fast-Food und Co. inflationsbereinigt gesunken sind, hat sich die US-amerikanische Gesellschaft radikal gewandelt. Die Schere zwischen Arm und Reich hat sich spagatartig geöffnet. Statt ordentlich bezahlter und abgesicherter Vollzeitjobs in der Industrie dominieren heute prekäre und miserabel entlohnte Minijobs im Dienstleistungssektor. Wer dort sein Auskommen suchen muss, und dass werden immer mehr, ist auf die Kombination mehrerer Jobs angewiesen und arbeitet meist mehr als 40 Stunden die Woche. Die Angestellten von Firmen wie McDonalds, Walmart und Co. sind gezwungenermaßen auch deren beste Kunden.
Zwar bleibt unklar, welchen Anteil die Riesenportionen der Fast-Food-Ketten am Anwachsen der US-amerikanischen Bäuche tatsächlich haben, und es ist strittig, welche gesundheitlichen Konsequenzen daraus tatsächlich resultieren; dennoch werden die großen Portionen, das steigende Übergewicht und das Auftreten sogenannter Zivilisationskrankheiten in einen direkten kausalen Zusammenhang gestellt. Die simple Lösung für alle Probleme lautet: esst weniger und dafür besser.
Doch wer nicht weiß, wie er die nächste Stromrechung bezahlen soll, oder woher sie das Geld für die gestiegene Hypothek abzwacken soll, hat andere Sorgen als die Kalorienbilanz in Ordnung zu halten und den Vitaminhaushalt ins Lot zu bringen. Außerdem passt die Forderung weniger zu essen auch nicht wirklich zu einer Ökonomie, die auf Wachstum um jeden Preis angewiesen ist. Denn schrumpfende Märkte mag der Kapitalismus überhaupt nicht.
Vorschläge wie mal ein bisschen weniger zu konsumieren und stattdessen den Kindern mehr vorzulesen oder mit der alten Dame von nebenan ein Schwätzchen zu halten, fallen in die Kategorie „Pausenbrot nicht wegwerfen“. Geäußert werden solche noblen Anliegen gerne beim Wort zum Sonntag oder anlässlich der Weihnachtsansprache des Bundespräsidenten. Der aber weiß als ehemaliger Chef des Internationalen Währungsfonds eines ganz genau: Würden diese frommen Wünsche wirklich ernst genommen, hätte das fatale Folgen. Was passiert, wenn die Wirtschaft mal für ein Jahr ein bisschen abspeckt, erfahren wir ja gerade am eigenen Leib.
Deshalb merke: Jedes weggeworfene Pausenbrot rettet die Konjunktur und erhält Arbeitsplätze. Weggeworfene Autos wurden aus diesem Grund sogar zeitweise mit Prämien belohnt. Weniger konsumieren ist nie eine Alternative im Kapitalismus, weniger Essen bildet da keine Ausnahme.
Aber was bleibt der Lebensmittelindustrie, wenn die Nachfrage sich nicht länger steigern lässt, wenn das Limit dessen, was ein Mensch am Tag an Essen konsumieren kann, irgendwann erreicht ist? Diese Frage wird morgen beantwortet.


