Essen und Drogen Teil 1 oder Die Erfindung des Junk-Food-Junkies

Zwischen Lebensmitteln und Drogen zu unterscheiden ist manchmal gar nicht so einfach. Zählt etwa die Schokolade noch zu den Nahrungsmitteln oder ist sie schon ein gesundheitsschädliches Genussmittel mit höchstem Abhängigkeitspotential? Darf man so etwas noch guten Gewissens an Schülerinnen und Schüler verkaufen bzw. im Kinderfernsehen bewerben? Oder sollten wir so gefährliche Produkte nicht doch besser gleich ganz verbieten? Schließlich gibt’s bei Kaisers um die Ecke zwar Backpulver, aber noch lange kein Crack zu kaufen.

Während die meisten Menschen der Aussage: „zuviel Schokolade, Cola und Pommes sind schlecht für die Gesundheit“ zustimmen dürften; würden wohl dennoch nur wenige so weit gehen, diese Lebensmittel mit Drogen wie Kokain oder Opium zu vergleichen. Dabei ist es noch keine hundert Jahre her, dass man in Kaisers Kaffeegeschäft nicht nur Schokolade und eben Kaffee käuflich erwerben konnte, sondern auch so exotische Leckereien wie Morphiumpralinees, Opiumzigaretten oder mit Kokain versetzte Weine. Heute wird umgekehrt ein Schuh draus, denn nicht wenige Fachkräfte vertreten die Ansicht, Fast Food mache genauso süchtig wie harte Drogen. So besteht etwa für Neil Barnard vom „Physicians Comittee for Responsible Medicine“ (PCRM) in den USA das Angebot der Fast-Food-Ketten aus einem einzigen „cocktail of opiates“: „Käse (mit seinen Kasomorphinen), Fleisch als Fettrepräsentant, Zucker an sich und Schokolade als eine das Suchtpotential optimierende Fett- und Zuckermixtur“ gelten ihm als Lebensmittel, deren Abhängigkeitspotential mit dem von Nikotin oder Opiaten vergleichbar sei. Und David Kessler, der ehemalige Chef der US-amerikanischen „Food and Drug Agency“ (FDA), die für die Zulassung von Lebens- und Arzneimitteln zuständig ist, konstatierte kürzlich im Focus: „Gerichte empfinden wir leider dann als besonders schmackhaft, wenn sie reich an Zucker, Fett und Salz sind (…) der Geschmack von Zucker und Fett aktiviert in unserem Gehirn das Belohnungssystem. Nervenzellen schütten Endorphine aus. Ein reichhaltiges Essen erzeugt dadurch ein Wohlgefühl, baut Stress ab. Und es macht uns süchtig.“ Experimentelle Forschungsergebnisse scheinen das Abhängigkeitspotential von Nahrungsmitteln ebenfalls zu bestätigen. So fanden US-amerikanische Forscherinnen und Forscher 2006 heraus, dass Essen für Übergewichtige das Gleiche sei, wie das Einnehmen einer Droge für Süchtige. Denn in beiden Fällen würden jene Teile des Belohnungszentrums im Gehirn aktiviert, die das Verlangen steuerten und die Erinnerungen an positive Erfahrungen verwalteten. In ihrem Experiment war bei sieben übergewichtigen Freiwilligen mithilfe elektrischer Impulse das Gefühl eines vollen Magens simuliert worden. „Je stärker dabei die Aktivierung des Belohnungszentrums war, desto mehr nahm auch das Verlangen der Probanden ab, sich mit Essen trösten oder beruhigen zu wollen“, beobachteten sie. Diese Ergebnisse bestätigen ihrer Ansicht nach die bereits früher vermutete Ähnlichkeit zwischen unkontrolliertem Essen und Drogenkonsum.

Das Ergebnis der aufwendigen Studie klingt zunächst banal: „Das Gefühl eines vollen Magens“ aktiviert das Belohnungszentrum im Gehirn, erzeugt ein Wohlbefinden und führt zu abnehmendem Appetit. Wird aber das, was bislang landläufig als „gesunder Appetit“ bezeichnet wurde, zum „Verlangen der Probanden, sich mit Essen trösten oder beruhigen zu wollen“, uminterpretiert, lässt sich elegant eine Parallele zur Drogensucht konstruieren.

Dass Essen ähnliche Bereiche im Gehirn stimuliert wie bewusstseinserweiternde Substanzen (Drogen) bzw. andere als angenehm empfundene Sinneswahrnehmungen, ist keine neue Erkenntnis. Und so besteht dann auch die eigentliche Innovation der Wissenschaft in der rhetorischen Gleichsetzung von Ess- und Drogensucht. So werden aus Fast-Food- und Schokoladenfans ganz schnell Junk-Food-Junkies gemacht.

Lesen Sie ab Donnerstag Essen und Drogen Teil II: Von der Verbraucherinformation zur Junk-Food-Razzia

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Eine Reaktion zu „Essen und Drogen Teil 1 oder Die Erfindung des Junk-Food-Junkies“

  1. Von unkraut

    Diese Sachen, die man versucht den Menschen weiszumachen hat doch arg etwas von Selbstkasteiung.

    Alles was “Spaß” macht und total natürlich und zum Teil überlebensnotwendig ist wird gerne “verteufelt”.

    Der Körper reagiert nunmal auf Dinge, die ihm Spaß machen, fragt sich wie die Evolution ausgesehen hätte, wenn der Mensch dauerhaft unter Stress gestanden hätte oder Depressiv gewesen wäre und nicht irgendetwas, sei es eine leckere Malzeit, körperliches Auspowern oder gewisse Zärtlichkeit als Katalysator gehabt hätte.

    Ich persönlich glaube eher, dass alles zur (echten) Sucht werden kann, aber auch nur dann, wenn etwas anderes im Leben fehlt das ausgeglichen wird, und was sich dann irgendwann aus Mangel an Alternativen verselbstständigt.

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