Respekt vor den Lernern!

Wir stecken im Hamsterrad falsch verstandener Büffelei

Wir stecken längst im Hamsterrad falsch verstandener Büffelei fest – und in einer hermetischen Bildungsrhetorik.

Gerade rollt wieder die “Bildung-ist-unser-ein-und-alles”-Welle durchs Land. Bei den Koalitionsverhandlungen in Bund und Ländern schmettern alle Parteien ihr Mantra “Bildung, Bildung, Bildung!”. Zudem kamen die neuen Azubi-Zahlen, die nur auf den ersten Blick gut aussehen. “Nur” Zehntausend junge Leute bleiben ohne Ausbildungsstelle - das aber nur, weil die Zahl der Bewerber um fast 90.000 zurückgegangen ist. Da verstört eine Meldung des DGB: Ausgerechnet bei den Abiturienten steigt die Arbeitslosigkeit in der jüngsten Finanzkrise besonders stark: Plus 24 Prozent!

Hilft viel Bildung also wenig? Haben uns die Politiker an der Nase herumgeführt? Nein, aber vielleicht hilft uns die Nachricht, das sinnfreie Wortgeklingel der Schulpolitiker einmal einen Moment zu hinterfragen: Bildung ist essenziell, bedeutet Zukunft, schafft Arbeit - aber bringt uns das Dauer-Gegackere um vollkommene Bildung eigentlich weiter?

Aus dem Lernen ist ein stupides Höher, Schneller, Weiter geworden. Es regiert die Methode Friss-oder-Stirb. Die ersten Verunglückten des Pauk-Zwangs sind bereits zu beklagen. Grundschüler unter Druck sagen am Frühstückstisch: “Mama, ich mag nicht in die Schule!” In den G8-Turbogymnasien ist von den klassischen Tugenden Weisheit, Gerechtigkeit und Tapferkeit nichts mehr übrig. Schon gar nicht von Mäßigung, die ja auch dazu gehört. Und nicht wenige hastig reformierte Bachelorstudiengänge machen das Studium zu einer geist- und ruhelosen Raserei.

Kein Sorge. Hier will niemand die finsteren Ecken der Chancenlosigkeit bewahren, die unser Staat künstlich herstellt. Es ist nicht hinnehmbar, dass Lernghettos bewahrt werden. Wie etwa die Haupt- und Sonderschulen, die im 21. Jahrhundert nichts verloren haben. Es darf nicht sein, dass die Generation Hoffnungslosigkeit Hunderttausende in einem beruflichen “Übergangssystem” festhält, das alles bietet – nur keine Übergänge in den Arbeitsmarkt. Das muss anders werden. Denn diese Restschulen und Wartescheifen sind unfair. Sie verletzen das Grundgesetz, das gleiche Startchancen für alle fordert – auch für kleine Bürger.

Wir dürfen dennoch nicht glauben, dass “Bildung, Bildung über alles” die Probleme der Arbeit lösen könnte. Und es nutzt auch aus pädagogischer Sicht nichts, den einzelnen zu seinem Bildungsglück quasi zwingen zu wollen. Das missachtet den obersten Grundsatz, der nirgendwo besser gelebt wird als in den guten Kindergärten und Grundschulen: Der Respekt vor dem einzelnen, vor seinen Hindernissen und Beschränkungen genau wie vor seinen Talenten und seiner Intelligenz.

Tags: none



Einen Kommentar schreiben