Emily – oder das Ende der Kindheit

22 Proben für Viertklässler verbindlich: Bayerns neues Grundschul-Abitur

Bayerns Eltern sind einiges gewohnt an Drill und Leistungsanforderungen.
Aber jetzt wird es sogar ihnen zuviel. Der bayerische Kultusminister hat die Prüfungen in den 4. Klassen neu geordnet. Um aufs Gymnasium zu kommen, müssen Bayerns Viertklässler künftig 22 Proben in den Kernfächern Deutsch, Mathe sowie Heimat- und Sachkunde ablegen. Der Freiraum der Lehrer schrumpft auf Null. Sie sind ab sofort zu dem verdammt, was man in den USA „teaching to the test“ nennt. Nicht fürs Leben, für die Probe lernen wir. Der Notendruck in der Grundschule ist damit so stark wie man es bislang nur vom Turbo-Gymnasium kannte. Der Lehrerverband BLLV warnt denn auch vor einem „Grundschul-Abitur.“

(Es ist das Ende der Kindheit, von dem nun zu berichten ist. Gerade in der prosperierenden Region um München gilt es subjektiv als Schande, sein Kind nicht aufs Gymnasium zu bringen. Es ist den Leuten aber auch ein objektives Problem, wenn ihre Kinder es nicht aufs Gymnasium schaffen. Sie wissen, welche Superjobs man in München haben muss, um in der Hauptstadt der Schickeria gut leben zu können. Die Folge ist Druck, Druck, Druck.)

Die Lehrerin verpasst Emily eine Zwei, obwohl sie keinen Fehler hat in einer kleinen Geschichte. Die Mutter wundert sich. Jetzt könnte man sagen, „Ach Gottchen, eine Zwei, das ist doch auch was schönes!“ Ja, aber im Vierjahresrennen zum Abi ist die Zwei ein Problem. Für die Eltern, weil sie für ihr Kind die verdiente Eins haben wollen. Für Emily, weil sie wieder nicht die Leistungen der drei besten Pferde im Stall gebracht hat. Emily hält sich nun tatsächlich für blöd.

Was ist das eigentlich für eine Schule, die Kindern das Gefühl vermittelt, sie seien dumm?

Die Lernsituation in Münchens Grundschulen nimmt tragikkomische Züge an.
Eine Lehrerin gibt den Eltern bekannt, dass die Zeit in der Schule fürs Erklären oft nicht mehr ausreiche. Eine andere gibt dem Kind eine Hausaufgabe mit, die durch nichts vorbereitet ist. Es ist schlicht der Lernstoff – den nun die Eltern dem Kind beibringen sollen. Schon in der Woche drauf soll es dazu eine Probe geben.

Wozu ist Schule da – wenn nicht zum Erklären?

Für Eltern und Kinder baut sich eine schier ausweglose Situation auf. Sie sehen ihre Lieben in einem zermürbenden Leistungswettlauf. Aber die vierte Klasse ist nunmal die magische Grenze. Wer jetzt nicht funktioniert, verpasst den Sprung aufs Gymnasium. Wettbewerb geht hier schon ab sieben Jahren über alles. Passenderweise, bekommt Emily eine Strafarbeit aufgebrummt. Was hat sie Böses getan? Sie hat ihrer Tischnachbarin bei einer Probe mit einem Tintenkiller ausgeholfen.

Was ist das für eine Schule, die Kinder für Hilfsbereitschaft bestraft?

Alle fragen, was kann man machen? Die Antwort ist einfach: Erstens – zuhause keinen zusätzlichen Druck auf die Kinder ausüben. Zweitens – die Noten abschaffen. Drittens – endlich den Übergang auf die weiterführenden Schulen auf die sechste oder achte verschieben. Viertens – Alternativen zum Turbo-Abi aufbauen. Kurz: Gute Schule machen.

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Eine Reaktion zu „Emily – oder das Ende der Kindheit“

  1. Von manten

    Das ist eine Zweischneidige Geschichte: einerseits finde ich es nicht schlecht, wenn die Alleinentscheidungsmacht des Grundschullehrers geschwächt wird. Andererseits ist es natürlich sowieso Irrsinn soetwas in der 4. klasse zu bestimmen. Deswegen bin ich für eine 6 jährige Grundschule.

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