Bildungsarmut und pädagogische Armut

Macht Lernen Spaß, haben wir weniger Bildungsverlierer

In Talkshows erzählen Politiker gerne Märchen. “Die Hauptschulen werden dort angenommen, wo die Eltern merken, dass man sich um sie kümmert”, sagte dieser Tage Armin Laschet (CDU) bei Maybritt Illner im TV. Man weiß nicht recht, wo der Integrationsminister Nordrhein-Westfalens diesen Effekt beobachtet hat. In seinem Bundesland jedenfalls kann das nicht sein. Die Leute laufen dort der Hauptschule in Scharen davon. Um 37 Prozent ist die Schülerzahl an den NRW-Hauptschulen seit 2001 zurückgegangen. Und die Eltern haben ja recht, die Hauptschule zu meiden. Denn dort herrscht bittere Bildungsarmut. Jeder zweite Hauptschüler in NRW kann praktisch nicht lesen.

Beim Tag der Offenen Tür einer Berliner Grundschule warnen Lehrerinnen indes offen vor dem Gymnasium. Zu viel Druck, zu wenig pädagogische Möglichkeiten – das achtjährige Turbogymnasium verschreckt nicht wenige Eltern. Denn ihre Kinder haben teilweise 36 bis 38 Unterrichtsstunden pro Woche. Sie verlieren wegen der Schule Freunde und müssen Hobbies aufgeben. Im Gymnasium geht Lernen nach der Methode Press und Stopf, es herrscht bittere pädagogische Armut.

Hat die Bildungsarmut der Hauptschule etwas mit der pädagogischen Armut des Gymnasiums zu tun? Auf den ersten Blick sind das zwei völlig verschiedene Paar Stiefel. Bei näherem Hinsehen erkennt man: Das eine bedingt das andere. In der vierten Klasse wird die Schülerschaft sortiert. Die schlechten in die Hauptschule, die guten ins Gymnasium. Das produziert die berüchtigten “differenziellen Lernmilieus”, wie sie der Max-Planck-Direktor Jürgen Baumert entdeckt hat. Zu deutsch: Soziale Umgebungen, die für das Lernen besonders förderlich sind – oder besonders schädlich.

Nicht umsonst heißen Hauptschulen bei Wissenschaftlern mittlerweile “Marienthalschulen”, also Schulen der Hoffnungslosigkeit. Die Gymnasien brauchen sich derweil pädagogisch gar nicht besonders anstrengen. Sie haben das beste Schülermaterial und wenn einer nicht mitkommt, dann fliegt er eben, pardon: wird abgeschult. Die Bildungsarmut der Hauptschule und die pädagogische Tristesse der Penne sind zwei Seiten einer Medaille.

Was kann man tun? Gibt es einen Ausweg aus dieser Zwickmühle? Natürlich gibt es das, die guten Schulen beweisen es.

Es haben sich inzwischen Schulen in Deutschland gebildet, die schlauer sind. Sie verzichten auf eine simple Trennung der Schülerschaft, sondern verfahren nach dem Motto: Kein Kind bleibt zurück. Das bedeutet zugleich, dass der Unterricht besser werden muss, genauer das Lernen. Und so ist es. Die guten Schulen, welchen die Bosch-Stiftung den Schulpreis verleiht, haben minimale Zahlen an Bildungsverlierern – und zeichnen sich durch eine hohe pädagogische Kompetenz aus. Dort macht Lernen wirklich Spaß. In Freiarbeit, mit Wochenplänen, in neuen Lernwerkstätten und -büros. Und, das Wichtigste: Bei großen Lernprojekten und Studienreisen. Die Schulpreisschulen sind so gut, dass inzwischen finnische Delegationen dort hospitieren – um zu lernen, wie die Deutschen gute Schule machen.

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