Neue Taschenspielertricks für die Bankbilanzen

Die Bundesregierung will im Schulterschluss mit den USA die Bilanzregeln für Banken aufweichen. Bislang müssen Banken ihre Aktien, Immobilien, aber auch das, was wir heute als „Giftmüll“ bezeichnen, zum aktuellen Marktwert bewerten. Wenn dieser Marktpreis heute niedriger ist als letztes Jahr, muss die Bank eben Abschreibungen vornehmen. Sie macht Verluste. So ist das nun mal. Jetzt möchte man den armen Banken helfen. Wenn sie ihre Anlagen nicht mehr zum aktuellen Kurs, sondern zu irgendeinem Preis, der ihnen gerade in den Kram passt, bewerten könnten, hätten sie ja auch keine Verluste.

Nein, liebe Leser, das ist kein Comedy-Beitrag, das sind die aktuellen Pläne der Regierungen.

Hier zeigt sich einmal mehr, wie die Abkehr von alten Kaufmannstugenden die Krise mitgefördert hat und man das Problem jetzt lösen möchte, in dem man die letzten Hemmungen fallen lässt.

Wie sah das noch vor wenigen Jahren aus? Da gab es die Bewertungen nach dem altehrwürdigen Handelsgesetzbuch. Alte Kaufmannstugenden hatten ihre Gültigkeit.
Unternehmen bewerteten ihre Anlagen nach dem sogenannten Niederstwertprinzip. Das war vernünftig und vorsichtig. Wenn ein Unternehmen eine Aktie zu 10 DM gekauft hatte und der Kurs stand Jahre später bei 50 DM, dann bewertete das Unternehmen diesen Aktienbestand mit 10 DM. Der Rest war stille Reserve. Wäre der Kurs wieder stark gefallen, wären keinerlei Abschreibungen nötig gewesen. Man hatte die Aktien ja nie hochgerechnet.
Ist der Kurs im Laufe der Zeit aber auf 3 DM gefallen, bewertete man diese Aktien zu diesem niedrigen Kurs. Niederstwertprinzip eben. So konnte man die Bilanzen und den Bestand des Unternehmens vor bösen Überraschungen schützen.
Im Zuge der steigenden Aktien kamen aber die Banken, Hedge-Fonds und Finanzberater zu der Erkenntnis, dass man doch viel mehr Geld scheffeln könnte, wenn man die Anlagen nicht nach dem langweiligen Niederstwertprinzip, sondern nach dem aktuellen Kurs (mark-to-market) bewerten würde. Bei steigenden Aktienmärkten wären so ja tolle Unternehmensgewinne möglich, die man dann an die Aktionäre und Anteilseigner (der man natürlich selbst war) ausschütten könnte. Tolle Sache! Und die Politiker weltweit waren naiv genug (dies ist die freundliche Unterstellung) diesen Unfug zu unterstützen und die Bilanzierungsregeln dahingehend zu ändern. Somit ergoss sich plötzlich ein Dividenden- und Ausschüttungsregen über den Anteilseignern - zumindest, solange die Kurse stiegen. Als die Kurse einbrachen, merkte man plötzlich und unerwartet, dass die Sache in beide Richtungen wirkt. Was man über Jahre an Gewinn ausgeschüttet hatte, fällt bei sinkenden Kursen als Verlust an. Das ausgeschüttete Geld war aber schon längst verpulvert. Und so kamen Unternehmen, Banken und wer sonst hier mitmischte in größte und unerwartete Finanzprobleme, weil man das, was man vorher hochgeschrieben hatte, jetzt wieder abschreiben musste. Jetzt könnte man sagen: Ein Schicksal, das selbst gewählt war. Sollen Sie halt Pleite gehen, die Dussel. Aber das will man ja auch wieder nicht. Also jammern die Banken wieder lange genug über diese böse Pflicht zur Bewertung der Anlagen zum aktuellen Kurs. Sie beschweren sich über das, was sie selbst erzwungen hatten!! Sensationell.

Und die Politiker sind mal wieder naiv genug (Unterstellungsvariante siehe oben) um die Nummer erneut mitzuspielen. Aber jetzt wird noch mal eins draufgesetzt. Statt zur alten Niederstwertbewertung zurückzukommen, gibt man die Bewertung weitestgehend komplett frei. Die Banken und Unternehmen sollen ihre Anlagen weitestgehend bewerten dürfen wie sie wollen. Ein völliger Irrsinn. Die Aussagekraft von Bilanzen wird somit dem eines Märchenbuches der Gebrüder Grimm entsprechen, ohne dass ich die Herren Grimm damit abwerten möchte.

Man versucht sich des alten Houdini - oder etwas moderner - den Tricks des großen Copperfield zu bedienen. Der schafft es bekanntlich ganze Güterzüge und sogar Inseln verschwinden zu lassen. Aber der geneigte Zuschauer weiß: es ist nur ein Trick. Diese Weitsicht würde man sich auch bei den Investoren wünschen, denen hier gerade ein Berg von Giftmüll weggezaubert werden soll.

Aber die Anleger werden wieder mal naiv genug sein und nach wenigen Wochen die Bilanztricks vergessen haben. Man wird auf die tollen Bilanzen schauen und sagen: „Na wenn´s doch da steht, wird’s schon stimmen.“ Und die Bankaktien reagieren entsprechend. Es ist manchmal zum Verzweifeln, wenn man die Nachrichten mit dem gesunden Menschenverstand liest.

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3 Reaktionen zu „Neue Taschenspielertricks für die Bankbilanzen“

  1. Von Hans

    Alles richtig!
    Meine Frage ist dann:
    Wenn ich das jetzt auf mein Eigenheim runterbreche wäre es dann so, falls ich momentan keinen Käufer finde ist dann mein Haus NULL wert? Also ein Ramsch Haus.
    Die Wahrheit liegt wohl wie immer irgendwo beim gesunden Menschenverstand.
    Wenn also Banken momentan abschreiben müssen weil das Papier unverkäuflich ist muss es ja in der Zukunft nicht so sein. Somit sollte man bei rel. gesunden Papieren schon die Möglichkeit geben einen gerechten Preis (der über dem momentanen Marktpreis liegt) in die Bücher zu schreiben.

    Das war nur so ein Gedanke, bin absoluter Börsen- und Bankenlaie

    Grüße

  2. Von Stephan Lindenfeld

    Bitte einfach wieder zu folgendem Prinzip zurückkehren:

    Geld ausgeben, dass man wirklich hat, und zwar für Dinge, die man versteht.

    Denn mit virtuellen Geld spielen, zu dem man keinerlei Bezug hat, kann nur im Fiasko enden.

    Genau, Dirk Müller, gesunder Menschenverstand…. Würde mich interessieren, wie Sie die Verbreitung dieser wichtigen Gabe in Börsenkreisen nach all den Jahren beurteilen. Ich bin geborener Frankfurter und habe in der Stadt lange gelebt: Diese aufgeblasenen Banken- und Börsentypen mit ihren Porschegehabe sind mir immer mächtig auf den Zeiger gegangen, die hatten auch nix vom Leben begriffen. Und ich bin wirklich kein Sozi oder bei Attac…

  3. Von Kurt Kowalsky

    Na ja, da hätte ich Ihnen noch vor einiger Zeit (vor 1995) zugestimmt.
    Doch Ihre Lösung ist nur auf Grund Ihres Beispiels schlüssig. Wenn der Kauf nämlich bei 50,- erfolgt und das war der (idiotische) Höchstkurs, dann gibt es sofort Ärger mit den Finanzämtern, weil die Abschreibung auf die Ebene des niedrigen Werts dann “dauerhaft” und “begründet” sein muss. Vodafone machte dies ja vor Jahren und das Geschrei der dummschwätzenden Politiker war groß. Hat das Unternehmen die Papiere jedoch derart erworben, wie Hans das Haus, stellt sich nicht die Frage, was irgendwelche Marktkurse machen, sondern wie die Rendite des Anlagevermögens (Haus, Aktien etc.) ist.
    Ich habe selbst gegen diese dumme IFRS-Regel gewettert, die HGB-Regel ist tatsächlich solider, doch sie ist nicht der Weisheit letzter Schluss.
    Herzlich

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