Verkehrte Welt

„Ich habe doch niemandem geschadet“. Das ist der Standardsatz, mit dem sich viele der ehemaligen Inoffiziellen Mitarbeiter des MfS bis heute aus ihrer Schuld stehlen. Sie haben im Auftrag einer staatlich sanktionierten Institution denunziert, wird gesagt, und sie tun so, als trügen sie keine Verantwortung. Die Schuld wird der Ideologie, der Politik, dem System, dem MfS gegeben. Wer sich nichts vorzuwerfen braucht, sucht auch nicht das Gespräch mit denen, denen Leid und Schaden zugefügt wurde. Und die, denen Leid und Schaden zugefügt wurde von IMs, stehen als Ankläger oder gar als ewig Gestrige da, wenn sie nach einem Schuldbekenntnis verlangen.

Es ist eine verdammt einseitige Sache. Das muss ich immer wieder erkennen. Auch uns ging es so mit dem Onkel, der nicht nur die Familie von 1975 an bespitzelt hat. Keine Erklärungen. Keine Antwort auf das Warum. Bis zu seinem öffentlichen Selbstmord im Dezember 2007 bestimmte er die Regeln. Es lag in seinem Ermessen, ob er redete oder nicht. Wir konnten ihn nicht zwingen. So blieb die Ohnmacht ihm gegenüber, der einst prahlte, „Der Verrat war eine Bestimmungsgröße meines Lebens“ und dann schwieg.

Kurz vor seinem Tod hat sich der Onkel doch noch bei dem einen oder anderen gemeldet, den er ausgehorcht und verraten hatte. Telefonisch. Nicht um zu erklären. Nicht, um sich zu entschuldigen. Nein. Sie sollten ihm sagen, in wie weit er verantwortlich gewesen sei für Repressalien oder Haft, sie hätten doch ihre Akten gelesen. Die Antworten: Mit verantwortlich, ja. Aber in wie weit? Das geht oft aus den Akten der Opfer nicht hervor. Es gab immer mehrere IMs, die auf eine Person angesetzt waren. Die Menge der Informationen aus verschiedenen Quellen gab den Ausschlag für das MfS für Haft und Repressalien.

Also nicht immer alleinige Schuld. Wozu dann Reue? Thema erledigt. Wie beruhigend.

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