Alles nur halb so schlimm
Dass die DDR, je länger sie her ist, in ein immer milderes Licht getaucht wird, ist nichts Neues. Vielen fällt es schwer, die geschichtliche Wirklichkeit differenziert zu betrachten. Aus biografischen oder politischen Gründen wird eine Welt kreiert, in der trister Alltag und Unterdrückung nicht existieren, und Filme, in denen ein komisches Bild von der DDR gezeichnet oder vom guten Mfs-Onkel erzählt wird, bestätigen diese Sicht auf die Geschichte nur. Der erinnerte Lebensanspruch und die historische Realität stehen sich diametral entgegen.
Wie oft bekomme ich zu hören, so schlimm sei es gar nicht gewesen. Sage ich, dass der SED-Staat die Gesellschaft kontrollierte, schon die Kleinsten der Kleinen für ideologische Zwecke missbrauchte, Andersdenkende drangsalierte - och, na ja, höre ich. Sage ich, dass Opponenten ins Gefängnis gesteckt, gefoltert wurden, dass die Todesstrafe vollstreckt wurde, zum letzten Mal 1981 – na und, es habe auch viel Gutes gegeben. Dieses im Grunde sich selbst vernichtende Gegenargument darf keine Daseinsrechtfertigung für Unrecht sein. Subjektive Erfahrungen, die gezwungenermaßen zu subjektiven Schlussfolgerungen führen, sollte jeder einzelne die übergeordnete Betrachtung der Zusammenhänge und Gegebenheiten hinzuzusetzen versuchen: durch die Herauslösung des eigenen Erlebens eine, wenn auch bruchstückhafte, Objektivität erlangen. Sonst bleibt die Behandlung der Geschichte unvollständig, verliert sich, zieht Irrtümer nach sich.
Historischer Irrtum sollte nicht justiziabel sein, zitiert die ZEIT den Historiker Konrad H. Jarausch. Durch Aufklärung und politisches Handeln muss man ihm aber entgegenwirken.
Es gibt auch zwanzig Jahre nach dem Ende der DDR Aktive Ausblendung. Das Unrechtsystem beim Namen zu nennen, heißt nicht, einer ganzen Bevölkerungsgruppe die Biografie zu stehlen.
Die Diskrepanz zwischen dem heutigen Blick auf die Lebenswirklichkeit in der DDR und der Tatsache, dass es sich dabei um die zweite deutsche Diktatur handelte, scheint unüberwindbar zu sein.



Sehr geehrte Frau Schädlich,
Sie schreiben mit Recht: “Das Unrechtssystem beim Namen zu nennen, heißt nicht, einer ganzen Bevölkerungsgruppe die Biografie zu stehlen.”
Das wird nicht von allen so gesehen. Mit Rücksicht auf die Befindlichkeit der Menschen wird die Diktatur nicht mehr beim Namen genannt. In der 3sat-Übertragung der Leipziger Büchernacht war es wieder einmal zu erleben. Daniela Dahn, die schon in einem Jugendbuch das DDR-Wirtschaftssystem wohlwollend darstellen durfte, sah in der Volkskammer demokratische Momente, die sie im kapitalistischen Bundestag vermisst.
Das Unterrichtsministerium in Brandenburg hat letztes Jahr einen Geschichtswettbewerb zur DDR-Aufarbeitung angekündigt. Dabei bliebe es. Ein Bücherpaket für die Schulen wird im Landtag von der SPD blockiert.
Liebe Susanne Schädlich,
bei der Beschäftigung mit den BewohnerInnen der “Frankfurter Allee-Süd”, bin ich auf der Suche nach Susanne Schädlich, welche die P.O.S. “Hilde Coppi” in Ost-Berlin besucht hat. Bin ich richtig? Wenn ja, ich war ein Mitschueler von dir…
Gemeinsam mit Fotojournalisten recherchiere ich seit geraumer Zeit nach “uns” Schülern, die durch das besondere Wohnviertel, der Nähe zum Ministerium f. Staatssicherheit in der Ruschestr. “geprägt” wurden. “Deine” Geschichte hat mich immer beschäftigt. Leider konnte ich mir nicht wirklich erklären, was passiert war. Es gab wilde Erklärungen unter den Kindern. ansonsten nur ein Schweigen.
Jörg Richert
karunaberlin@t-online.de