Wegweiser
Ich komme einen Augenblick zu spät und verpasse meine S-Bahn. Es ist früh am morgen. Alle Leute haben ein Ziel. Sie wuseln über den Bahnsteig wie fleissige Ameisen. Ich suche mir eine ruhigere Ecke aus, stelle meine Tasche ab und warte auf die nächste Bahn. Ich bin in Gedanken, bis ich in der Nähe türkisch höre. Ich blicke auf und sehe drei Frauen. Zwei sind vielleicht Mitte vierzig, die dritte keine zwanzig. Die eine von den älteren trägt Kopftuch, die anderen beiden sind europäisch gekleidet. An Gesten und Lautstärke ist klar, dass die mit dem Kopftuch die Gruppe anführt. Hastig sprechen die Frauen durcheinander.
“Dogrumuyuz?” Sind wir hier richtig?
“Galiba öbür tarafdan kalkiyor bizimki.” Ich glaub, unserer fährt von der anderen Seite, sagt die Junge.
“Eminmisin?” Bist du sicher?
Die drei bleiben stehen, wo sie sind und sehen sich etwas hilflos um. Sie wollen in einen Stadtteil, in dem viele Türken leben. Sie sind am falschen Bahnsteig, sie müssen zur gegenüberliegenden Spur.
“Erkekde yok yanimizda”, wir haben auch keinen Mann dabei, stellen sie fest.
“Birisine sorsana”, befiehlt dann die mit dem Kopftuch der Jungen. Frag doch mal jemanden. Aber das Mädchen bleibt wie angewurzelt stehen.
“Sorsana, kizim, senin bari almancan var.” Frag doch, meine Tochter, du kannst immerhin Deutsch.
Das Mädchen wird rot, sieht sich um und rührt sich nicht von der Stelle. Ob sie zu gehemmt ist oder vor den Deutschen nicht dumm da stehen will, weil sie nach dem Weg fragt, ist unklar. Die beiden älteren Frauen sehen sich ratlos an. Dann stehen sie wieder eine Weile da in diesem Treiben am Bahnsteig, dann hat die Anführerin eine neue Idee.
“Bir Türk yokmu suralarda, ona soralim.” Gibt es hier keinen Türken, fragen wir den doch. Die Drei sehen sich jetzt sorgfältig um – und über mich hinweg. Auf Türkisch sagt das Mädchen: “Hier sieht aber auch keiner aus wie ein Türke.” “Sonst laufen sie in Herden rum, aber wenn man sie mal braucht, sind sie nicht zu sehen”, schimpft die mit dem Kopftuch. Dann fährt meine Bahn ein. Ich gehe zu den drei Frauen und spreche sie auf türkisch an.
“Entschuldigung, ich habe gehört, wo sie hinwollen. Sie müssen auf die andere Seite.”
Die Drei strahlen mich an. “Danke, mein Sohn, vielen Dank, Gott sei Dir gnädig, danke schön!”
Ich zeige ihnen noch den Weg aufs andere Gleis, dann steige ich in meine Bahn.
Warum erzähle ich diese Geschichte? Sicher nicht, um als grosser Samariter dazustehen. Repräsentativ ist die Hilflosigkeit der Drei für die Türken hier bestimmt auch nicht. Aber ein Teil der türkischstämmigen Menschen hier ist überfordert. Nicht nur mit der Sprache. Dieser Teil ist nicht zu Selbstsicherheit und eigenständigem Handeln erzogen worden. Dieser Teil ist überfordert mit dem System, das außerhalb ihrer kleinen Inseln existiert. Das hat oft nicht wirklich etwas mit Integrationswillen zu tun, mit Abkehr von der deutschen Welt. Viele sind einfach aufgeschmissen. Und die Integrationsanstrengungen, die in den vergangenen Jahren zugenommen haben, werden sie nur noch schwer erreichen.



Hallo Birand,
Naja, ich bin irgendwo auch der Meinung, dass es Türken und andere Ausländer schwer haben. Ebenso alle Arten von Randgruppen.
Ich denke, dass mittlerweile alle Menschen überfordert sind. Keiner weiß mehr wirklich, wie es weitergeht. Jung wie alt machen sich ständig Gedanken um die Zukunft, verlieren ein wenig das Selbstwertgefühl. So bilden sich immer mehr Arten von Szenen, Untergruppen, die sich stetig noch splitten. Alle versuchen sich irgendwo zu identifizieren, und wer anders ist, wird verachtet oder nicht wahrgenommen. Missverständnisse und Misanthropie stehen an der Tagesordnung.
Dabei wollen alle im Grunde das Gleiche: Ein geregeltes Leben mit Arbeit und Freizeit, Individualität und Freunden. Nur geht vieles in der heutigen chaotischen Welt unter, sodass keine Zeit mehr bleibt, den eigenen Horizont zu erweitern.
Ich hoffe, dass ich halbwegs beim Thema geblieben bin.
Nun, ich lebte in den 90er Jahren für 6Jahre in Kreuzberg. Meine Kinder sind dort- im Gegensatz zu den Kinder der linksgrünen Gutmenschen- in einen staatlichen Kindergarten gegangen. Was ich dort an Desinteresse seitens der Türken an Integration, Erlernen der deutschen Sprache erlebt habe, spottet jeder Beschreibung. Ich finde, dass Türken nur in Selbstmitleid baden können. Und das, obwohl sie seit Jahrzehnten am Sozialstaat partizipieren und hier wirklich alle Möglichkeiten haben. Aber wie heisst es so schön : Man kann das Kamel zum Wasser tragen, trinken muss es alleine. Mit den Vietnamesen in Ostdeutschland klappts ja auch.
“Das hat oft nicht wirklich etwas mit Integrationswillen zu tun, mit Abkehr von der deutschen Welt. Viele sind einfach aufgeschmissen.”
Viele aber auch nicht, oder haben sie schon mal was davon gehört, das Polen, Russen, Tschechen, Rumänen, Chinesen, Vietnamesen, Japaner, Thailänder, Franzosen, Spanier, Italiener, Portugiesen, Yoguslaven, Griechen, Afrikaner, Niederländer, Briten, Amerikaner, Brasilinaer, usw, die ja auch in Deutschland wohnen, überproportionale Integrationsschwierigkeiten hätten? Eigentlich doch nicht, oder? Es ist immer leicht anderen die Schuld für sein eigenens Versagen in die Schuhe zu schieben. “Die anderen sind immer daran schuld, nur nicht man selbst”, ist ja nun wirklich das absolut klassische Verliererargument.
Ja ja, immer die Türken!!!
Unter den genannten Ländern konnte ich leider kein Land, deren Bevölkerung überwiegend muslimisch ist, finden!… Zufall??? (zu Madley)
Der Islam ist eben Schuld an der Rückständigkeit… So einfach ist die Schuldfrage geklärt: Islam und Türken.
Aber jetzt mal ernsthaft: Habt Ihr in Geschichte gepennt? Sklavenhandel, Kolonialismus, Zwangsarbeiter, Gastarbeiter, Kapitalismus …So kommt man eben voran im Leben! Des einen Leid ist des anderen Freud!
Zum Schlaraffenland Deutschland haben u.A. auch meine Eltern beigetragen. Als ”Gast”arbeiter, mit weniger Lohn dafür aber mehr Arbeit. Von wegen Gast. Arbeitstaugliche Tiere - wie Gaule hat man sie doch schließlich bei der Einreise (oder sollte ich doch besser Einfuhr) sagen behandelt - hatte man ja schließlich genug. Soviel zur Partizipation am Sozialstaat. …Und wie war es bei den Polen, Russen, Tschechen, Rumänen, Chinesen, Vietnamesen, Japaner, Thailänder, ….???
Aber zurück zur Integration: vielleicht solltet Ihr euch mal bei den zuständigen Behörden über Firmengründungen ausländischer Mitbürger informieren. Oder einfacher: nehmt euch das Branchenbuch der Türken. Ihr werdet dort nicht nur “Dönerbuden” finden. EHRENwort! Und des Türken Liebling ist der BayerischeMW. Schon vergessen?
Übrigens: wie sieht es eigentlich mit der Integration der Deutschen in anderen Ländern aus? Z.B. haben mittlerweile viele an der Mittelmeerküste Wohneigentum und sprechen seit Jahren kein Wort Türkisch. Aber wozu denn auch!? Schließlich sprechen die Türken dort ja perfekt Deutsch, Englisch, Französisch und - dank dem Tourismus - mittlerweile auch Russisch. Wobei bei den sexhungrigen oder vielleicht auch geldhungrigen Frauen der sexuell befreiten Welt die Körpersprache sicher völlig ausreichend wäre.
In der Türkei gibt es mittlerweile Wohnsiedlungen mit “Außengeländern“, überwiegend gegründet von Engländern. Und auch in vielen anderen Ländern bleiben Ausländer lieber unter sich. So z.B. in (Süd)Afrika die Deutschen. Inländern ist der Zutritt verboten!!! Stellt euch das mal vor: in Deutschland!!!
Wer mag wohl hier an dem Versagen der Integration Schuld sein? Die Unwilligkeit der Ausländer?! Aber vielleicht mag es dort gar nicht so wie hier in Deutschland aufgefasst werden. (Wahre) Weltoffenheit und Toleranz sind eben Tugenden, die man nicht dank Gelder des Wirtschaftswunders erwerben kann.
HochACHTUNGsvoll
Eine Türkin, die es seit Jahren nicht vermochte, trotz perfekter Deutschkenntnisse, integriert zu sein. So gehöre ich wohl zu den Kamelen, die kein Wasser zum trinken fanden. Habe ich den Anschluss zum Kameltreiber verpasst? Verlierer? Wer?
Hallo Filiz, vor über 20 Jahren war mein Mann Hoteldirektor in Johannesburg und wir lebten dort 5 Jahre. Damals schon hatten die Weißen ihre “Ghettos” und dafür gab es auch gute Gründe! Man konnte sich als Europäer im Dunkeln nicht auf die Straße trauen. Es gab ständig Überfälle, ja sogar Morde, verübt von Inländern. Ich finde, daß man das mit der Nicht-Integration der Türken in Deutschland nicht vergleichen kann.
Leider erhält man keine Auskunft darüber, wieviele (Millionen) Türken von unserem Sozialstaat leben und von diesen Menschen würde ich erwarten, daß sie sich unserer Lebensweise anpassen und uns nicht meiden und als “Ungläubige” beschimpfen! Dazu gehört für mich auch, mit langen Mänteln und Kopftüchern gegen unser ” Vermummungsverbot” zu verstoßen.
Wenn Du aber nicht zu dieser Gruppe gehörst, biete ich Dir gerne einen deutsch-türkischen Diskurs an.