Als Zeuge vor Gericht

Man kann Glück haben und an einen sensiblen Richter geraten. Man kann auch Pech haben. Oft hat man Pech. Dann macht die Zeugenvorladung zumal zu einem Strafprozess aus einem selbstbewussten Staatsbürger ein hilfloses Wesen, das, gegebenenfalls, den Raunzereien des Richters und, gegebenenfalls, den Unverschämtheiten eines Verteidigers ausgeliefert ist. Der Zeuge gerät schier unentrinnbar in ein besonderes Gewaltverhältnis, in dem mit ihm widerfahren wird, wie es andere wollen.

Sensibel ist ein Gericht dann, wenn es Rücksicht darauf nimmt, dass der Zeuge nicht mit allen Wassern der Advokaten gewaschen ist und sich deswegen meist nicht so ausdrückt, dass man daraus einen Schriftsatz machen kann. Sensibel ist ein Gericht dann, wenn es sich klar macht, dass der Zeuge kein Prozess-Störer, sondern eine wichtige, ja eine zentrale Person ist, und man ihm, dem Zeugen, diese seine Wichtigkeit auch zeigen und fühlen lassen muss.

Der Zeuge hat Anspruch darauf zu erfahren, warum er auf seinen Aufruf in den Gerichtssaal so lange hat warten müssen. ER hat Anspruch auf eine einleuchtende Erklärung dafür, warum er nun zum dritten- oder viertenmal die Fragen beantworten soll, die er schon bei Polizei und Staatsanwaltschaft beantwortet hat. Manchmal würde es, um die Situation der Zeugen zu verbessern, schon genügen, wenn die Gerichte nicht nur die Gesetze, sondern auch die Grundregeln der Höflichkeit beachten.

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Eine Reaktion zu „Als Zeuge vor Gericht“

  1. Von Will - Rafael Bienheim

    Sehr geehrter Herr Prantl,

    nachstehend nehme ich Bezug auf Ihren Kommentar zu gezielten Tötungen in der SZ vom 10. 8. 2010.

    Ich bin im Nahen Osten aufgewachsen, habe dort in einer kämpfenden Einheit gedient und bin aus gelebter Erfahrung überzeugter Verfechter der Einstellung “Fire is ultima ratio”. Dies vorab.

    Auch mir passiert es, dass ich abhebe, den Bezug zur Realität verliere. Wenn ich es erkenne bemühe ich mich um eine schnelle Landung in der Realität. Vielleicht überlegen Sie sich solch eine Option:

    Sehen Sie sich doch ein Mal, in Ruhe, die Aufnahmen vom 11. September wieder an. Da gibt es auch Bilder von Feuerwehleute die angebrannt aus dem Gebäude kommen. Verbrannt nach geltendem Recht… Dann fliegen Sie nach Kabul und besuchen eine Krankenhausstation mit Anschlagsüberlebenden. Zur Wissensvertiefung dann nach Bagdad - auch dort ist das entsprechend “Angebot” stattlich. Auch diese Menschen haben den Schutz internationaler Normen genossen… Auf dem Rückweg machen Sie ein paar Wochen Urlaub in Sderot, am Gaza - Streifen. Vielleicht bleibt es nicht bei der Unterhaltung mit den Bewohnern und Sie erleben den Einschlag von Kassam - Projektiele. Der Beschuss war sicher eine reine Verteidigungshandlung gegen aktive Agressoeren… Zum Schluss nach Spanien - da gibt es noch Mitmenschen die den Zug - Anschlag überlebt haben. Eine Selbsterfahrung besonderer Qualität…

    Und dann komen Sie auf mich zu, und wir unterhalten uns über gezielte Tötungen und den Alternativen dazu. Unseren Dialog können wir dann gerne veröffentlichen.

    Mit vorzüglicher Hochachtung

    W.-R. Bienheim

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