Diffuse Heilslehre statt konkrete Hilfe für Patienten
Der Bundestag hat entschieden. Die Stichtagsregelung zur Gewinnung embryonaler Stammzellen wird vom 1. Januar 2002 auf den 1. Mai 2007 verschoben. Damit hat Wirtschaft über Moral und Forschung über Patienteninteressen gesiegt. Zudem hat es diese vergleichsweise neue Forschungsrichtung erneut geschafft, einen Großteil der gesellschaftspolitischen Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Medizinisch gerechtfertigt ist das nicht, denn spannend ist die Stammzelldebatte seit Jahren hauptsächlich als Anschauungsmaterial für beharrliche Akzeptanz-Rhetorik.
Keine Diskussion über Stammzellen kommt ohne die beruhigende Weissagung aus, dass mit Hilfe von Stammzellen schon bald Leiden wie Alzheimer, Parkinson, Diabetes oder Herzinfarkt ihren Schrecken verlieren werden. Kranke Zellen sollen durch gesunde ersetzt werden. So einfach ist das. Lediglich über den Zeitpunkt, zu dem die gelobte Therapie über die Menschen kommen wird, sind sich ihre Propheten noch uneinig. So wird aus vager Heilshoffnung eine Heilslehre.
Es ist bezeichnend, dass fast nur Laborforscher, Chemiker oder Biologen und keine Ärzte, die Stammzellforschung preisen. Im naturwissenschaftlichen Experiment geht es darum, möglichst viele Einflüsse auszuschließen, die Komplexität zu reduzieren. Das Experiment isoliert ein Einzelereignis, reißt es aus seinem Zusammenhang im Fall der Stammzellen aus dem Kontext des Organs, des Organismus, des gesamten Menschen. Aus diesem Grund lässt sich das Weltbild aus dem Labor auch nicht auf Menschen übertragen. Menschen sind Komplexitäts-Vermehrer.
Menschenärzte, die sich nicht als Labormediziner verstehen, wissen das. Sie wissen, dass zehn Diabetikern nur gemein ist, dass sie ähnliche Probleme mit dem Zuckerstoffwechsel haben. Ansonsten sind sie grundverschieden. Kein Wunder daher, dass Ärzte, die sich in der Hauptsache um Patienten kümmern, mit Stammzellforschung nichts am Hut haben. Es ist eigentlich banal, droht in einer technisch dominierten und molekular reduzierten Medizin aber in Vergessenheit zu geraten: Menschen, erst recht kranke Menschen, reagieren unterschiedlich auf Krankheit wie auf Therapie. Ein Diabetiker läuft Marathon, dem anderen muss der Fuß amputiert werden.
Manche Ärzte, die Schwerkranke behandeln, finden es verlogen, wie Patienten Hoffnung auf Heilung gemacht wird. Denn tatsächlich sind Stammzellen derzeit nur der symbolpolitische Ersatz für seit Jahren beschworene, aber bisher ausbleibende weitere Erfolge der Medizin. Patienten kommt die Forschung mit Stammzellen nicht zugute. Derzeit sowieso nicht, vielleicht nie. Die Versorgung der Kranken, die Erforschung der Umstände, wie Patienten im Alltag besser geholfen werden kann, kommt hingegen zu kurz. Jetzt schon, jeden Tag.
Man kann zwar in der Medizin das eine tun und das andere nicht lassen, aber in der Realität sind die Mittel für die Heilkunde begrenzt. Es gibt genug Patienten in Kliniken, deren Magen leer und Rücken wund ist und die aufgrund der Einsparungen in der Pflege nicht mehr genügend Flüssigkeit bekommen. Es fehlen schlichtweg die Schwestern, die sich die Zeit nehmen, bedürftigen Patienten geduldig zu Trinken zu geben. Hier zeigen sich die wahren ethischen Bedrohungen der Medizin.


