Die Medikalisierung des Alltags
Die Pathologisierung der Lebensläufe unter dem Diktat der Normalität hat erhebliche Ausmaße angenommen: Mehr als die Hälfte aller Schwangerschaften gilt als Risikoschwangerschaften, neu im Angebot sind auch die Diagnosen Schreikind, Wechseljahre für den Mann, Glatzenbildung bei der Frau. Zudem tragen alle Menschen genetische Risiken als biologische Zeitbomben mit sich, und der körperliche Verfall, so suggerieren Anti-Aging-Propheten, schreitet ständig fort. Ein weites Feld für Heilkundige wie Scharlatane aller Art.
Immer häufiger ist nicht mehr nur von möglichen Komplikationen einer Erkrankung die Rede, sondern auch von Risiken der Prävention, Diagnostik oder Therapie. Die Medizin schafft sich damit einen Teil ihres Bedarfs selbst: Unter den Schlagwörtern »Screening« und »Risikominimierung« werden Gesunde vorbeugend untersucht und behandelt. Schon jetzt gibt es in Arztpraxen immer mehr Gesunde mit Befunden, die keine Bedeutung haben, und immer mehr Kranke ohne Befund.
Teil dieser Entwicklung ist auch eine veränderte Einschätzung des Alters. Nachlassende Leistungsfähigkeit wird nicht als normal angesehen, sondern als »krankhafte« Schwäche, die repariert werden müsse. Ärzte vertrauen kaum noch auf Spontanheilungen und Verläufe, bei denen es auch durch Abwarten zur Gesundung kommt. Wann hat man zuletzt den Begriff Altersschwäche gehört oder gelesen?
Mediziner pathologisieren das bisher Normale und katalogisieren es in wichtig klingenden Diagnosen: Burn-out, Restless-Legs-Syndrom, Multiple Persönlichkeit, Sick-Building-Syndrom, Cellulite – Dutzende Beispiele ließen sich finden. Schon finden Kongresse statt, Experten ernennen sich selbst, Pharmafirmen stellen Mittel dafür oder dagegen her. Ein Leiden macht Karriere. Von diesem Zeitpunkt an entwickeln Diagnosen eine Eigendynamik, gegen die kein Kraut gewachsen ist.
Noch immer unterliegen viele Mediziner dem »Zwang zur Diagnose«, wie es der Philosoph Wolfgang Wieland nannte, und machen weder sich noch ihren Patienten klar, dass diese Untersuchung oder jener Befund keine Konsequenzen hat. Die Selbstwahrnehmung als gesund verflüchtigt sich unter dem Diktat von Risikoabwägungen: Dann gibt es tatsächlich kaum noch Gesunde – nur Menschen, die nicht gründlich genug untersucht worden sind.



Hallo,
dem stimme ich selbst zu, daß gesunde behandelt werden und die Probleme der Kranken ignoriert werden. Bevor nicht der volle Umfang der Behandlungsmethoden ausgeschöpft worden ist, wird keine Hilfe gegeben.
Ich finde es traurig,das im Gesundheitssystem so wenig Wiederstand von der Bevölkerung ausgeht bzw. deren Vertreter. Werden die nie krank? Selbst mit privater Kranken Versicherung ist die Versorgung sehr schlecht! In der Öffentlichkeit wird die Nr1 der Versorgung verschwiegen oder gibt es andere Gründe warum man sich nicht von den Franzosen mehr abschaut und dies Verbessert. Geld kann nicht der Grund sein, da so viel eingezahlt wird wie noch nie. Leider bedienen sich zu viele daran. Die USA hat eben mehr Pharma-Lobbisten als andere Länder.
Traurig aber war—Jungs macht weiter so!! Klasse das jemand Aufklärt.Danke