Das muss weg oder eine andere Form eines Prologs

Es war im vergangenen Sommer: Wenn er aus der Dusche stieg, merkte der Mittvierziger in letzter Zeit regelmäßig, dass sein Handtuch nach dem Abtrocknen ein bisschen blutig war. Eine kleine Stelle neben der Nase, nicht größer als ein Pickel, heilte einfach nicht richtig zu. Der Mann war eigentlich nicht sehr beunruhigt, aber nach ein paar Wochen ging er doch zum Hausarzt. Der sagte: Nehmen Sie sich irgendwann demnächst mal zwei Tage frei, das muss herausgeschnitten werden. Der Mann schaute ungläubig, der Dermatologe wurde deutlich – und zwar überdeutlich: »Das ist weißer Hautkrebs, ein Basalzellkarzinom. Das muss weg«, sagte er.

Die drastische Wortwahl ließ meinen Freund aus allen Wolken fallen. Krebs, Karzinom – er glaubte, sein letztes Stündlein habe nun bald geschlagen. Seine drei Kinder waren noch jung, er nahm gar nicht mehr wahr, als der Arzt ihm erzählte, dass die Operation meistens gut ausginge und danach kein Grund zur Sorge mehr bestünde.

Ich war wütend, als mir mein Freund von dem Gespräch erzählte. Denn die Begriffe »weißer Hautkrebs« und »Karzinom« hatten ihn sofort an das Schlimmste denken lassen – an Krebs, mit Metastasen, langwierigem Siechtum und qualvollem Tod.

Das Basaliom, wie Ärzte das Hautleiden Patienten gegenüber nennen sollten, hat zwar bösartige Anteile, doch Mediziner bezeichnen es als »semi-maligne«. Denn es wächst zwar in die Umgebung ein, bildet aber nur äußerst selten Metastasen. Wenn es herausgeschnitten wird, ist die Wucherung beseitigt und der Patient nahezu immer komplett geheilt.

So gut ging es dann doch nicht aus, was aber weniger an der Erkrankung als an der Behandlung lag. Vier Operationen waren in kurzer Zeit nötig. Zweimal war das Basaliom vom Operateur nicht im Gesunden entfernt worden, er musste deshalb jedes Mal erneut zum Skalpell greifen und ein etwas größeres Stück Haut entfernen. Nach dem dritten Eingriff infizierte sich unglücklicherweise die Wunde, und der Patient reagierte zudem noch allergisch auf die Antibiotika, die er bekommen hatte. Sein Gesicht war ziemlich stark geschwollen, ein dicker Verband bedeckte die eine Hälfte fast vollständig.

So etwas kann passieren, dahinter muss kein ärztlicher Behandlungsfehler stecken. Was meinen Freund jedoch immer wieder wütend machte, war das Verhalten der Ärzte nach den Komplikationen, etwa während der Visite. Sie übertrieben maßlos und sagten permanent, wie toll sein Gesicht schon wieder aussehe. »Mensch, ist ja prima geworden«, versuchte ein Arzt ihn jedes Mal ebenso stereotyp wie unpassend aufzumuntern.

Gelegentlich sprach mein Freund die Ärzte darauf an, warum es gerade bei ihm so viele Komplikationen gegeben habe. »In 4 Prozent der Fälle kommt es zu einer Infektion«, sagte der Arzt dann jedes Mal bloß. Ein mögliches Missgeschick, eigenes Verschulden gar oder auch nur ein Ausdruck des Bedauerns über den unglücklichen Verlauf wurden teilnahmslos hinter der Statistik versteckt.

Jetzt, fast ein halbes Jahr nach den Eingriffen, sieht man immer noch die Schwellungen und Narben im Gesicht meines Freundes.

Drei Menschen aus meinem Freundes- und Bekanntenkreis, die im vergangenen Jahr Rat und Hilfe bei Ärzten suchten – in allen drei Fällen waren ihre Reaktionen auf die Erfahrungen mit den Ärzten Unzufriedenheit, Enttäuschung, Verunsicherung, manchmal Wut und Ärger. Dabei litten und leiden alle drei nicht an schweren, chronischen Erkrankungen, alle drei sind wieder geheilt, es geht ihnen gut. Keiner der drei hat gegen seinen Arzt geklagt, sie haben sich nicht mal bei ihnen beklagt, sondern nur nachgefragt. Es geht auch in keinem dieser drei Fälle um schwerwiegende Behandlungsfehler – diese unbefriedigenden Erlebnisse mit Ärzten tauchen in keiner Umfrage und keiner Statistik auf.

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