Das Medikament als Risiko
Was wirkt, hat Nebenwirkungen. Wie etwas wirkt und welche Folgen auftreten können, ist auch heute, 50 Jahre nachdem Contergan auf den Markt kam, bei vielen Medikamenten noch unbekannt. Noch unklarer ist häufig, welche Wechselwirkungen Arzneimittel mit anderen Mitteln eingehen und was Pharmaka, die an jungen, gesunden, erwachsenen Männern getestet wurden, im Körper von Kindern, Alten, Schwangeren oder Schwerkranken auslösen können.
Aus diesen Gründen ist es umso wichtiger, Zulassung und Anwendung von Medikamenten streng zu kontrollieren. Nur so können Risiken für Patienten wie Gesunde verringert werden – auszuschließen sind sie nie. Die Überwachung und Beurteilung neuer wie zugelassener Medikamente weist jedoch immer noch gravierende Schwachstellen auf. 50 Jahre nach der Contergan-Tragödie bewilligen nationale wie internationale Behörden die Marktzulassung von Medikamenten noch immer auf Grundlage der Papiere und Daten, die ihnen die Pharmaunternehmen selbst vorlegen. Kritische und unabhängige Arzneimittelforschung findet kaum statt.
Daher verwundert es kaum, dass fast alle Arzneimittelskandale der jüngsten Zeit Medikamente betrafen, die längst auf dem Markt waren – manche als Verkaufsschlager. Das Herzmittel Trasylol wurde über Jahrzehnte angewendet. Immer wieder gab es Hinweise auf schwere Nebenwirkungen. Doch erst in dieser Woche wurde der Verkauf gestoppt. Das Schmerz- und Rheumamittel Vioxx war mehr als fünf Jahre auf dem Markt, bevor es 2004 zurückgenommen wurde, weil sich Herzinfarkte und Schlaganfälle häuften. Der Fettsenker Lipobay wurde von 1997 an weltweit von sechs Millionen Menschen genommen, bis Bayer das Mittel 2001 zurückzog, weil vermehrt Todesfälle nach Nierenversagen und Muskelschäden auftraten. Unabhängige Forschung hätte diese Risiken erkennen können. Warnhinweise gab es genug – sogar in Studien der Pharmaindustrie.
Man kann Pharmafirmen nicht vorwerfen, dass sie ihren Profit maximieren wollen. Nur sollten Politiker und Genehmigungsbehörden den Herstellern nicht in solchem Umfang die Bewertung ihrer eigenen Produkte überlassen. Pharmafirmen testen die Medikamente im Labor, geben Untersuchungen an Patienten in Auftrag und erstellen abschließend die Studien, die Grundlage für die Zulassung sind. Dass in dieser langen Entwicklungsphase eine ebenso enge wie voreingenommene Beziehung zum eigenen Produkt entsteht, ist naheliegend. Die Folge sind beschönigende Bewertungen, selbst wenn keine Täuschungen und Vertuschungen im Spiel sind, für die es jedoch auch genügend Beispiele gibt. Würde man die gegenwärtige Praxis der Arzneimittelzulassung auf die Schule übertragen, hieße das, dass Eltern die Zeugnisse ihrer eigenen Kinder schreiben dürfen.
Lösungsansätze gibt es: In Großbritannien zeigt ein schwarzes Dreieck auf Verpackungen an, dass ein Medikament neu zugelassen wurde und noch nicht viel Erfahrung damit besteht. Warum ist dies in Deutschland nicht möglich? Wie tauglich Medikamente im Alltag wirklich sind, muss stärker erforscht und kontrolliert werden, denn die Probleme von Arzneien, die bereits auf dem Markt sind, werden viel zu wenig untersucht. Dabei sind das die Fragen, die für Patienten wirklich relevant sind – der Anteil dieser Forschung liegt jedoch bei weniger als zehn Prozent. Die Pharmaindustrie hat an solchen Studien wenig Interesse – wenn doch, sind die Erhebungen meist von fragwürdiger Qualität.
Außerdem müssen Kontrollbehörden industrieunabhängig werden und eigene Tests anstellen. Die US-Zulassungsbehörde wird nahezu zur Hälfte von Industriegebühren finanziert und ist deshalb entsprechenden Pressionen ausgesetzt. Deutsche Behörden standen in der politischen Kritik, weil sie zu lange für Neuzulassungen brauchten. Sie sollten in eine industriefreundlichere Agentur umgewandelt werden, was – zum Glück für die Verbraucher – scheiterte.
Nur ein Promille der etwa 240 Milliarden Euro, die jährlich im Gesundheitswesen aufgewendet werden, würde ausreichen, um die wenigen wirklich neuen Arzneimittel, die jedes Jahr auf den Markt kommen, unabhängig zu testen. Man muss dieses Geld nur ausgeben wollen – bisher ist der politische Impuls nicht zu erkennen.


