Wir lernen auch anders! Forntalunterricht adé.

Als Nena ihren 100. Luftballon steigen ließ, guckte ganz Deutschland hin. Die Sängerin gründete in Hamburg eine Schule ohne Regeln, schon berichteten alle Zeitungen. Nena ist eine eigenwillige Frau, ihre Schule auch: Eine so genannte Sudburry-Schule – dort bestimmen allein die Kinder, ob und was gelernt wird. Ganz allein.

Jetzt ist der Luftballon geplatzt. Es kam zu Gewalttätigkeiten, einige Eltern meldeten ihre Kinder ab. Nenas Schule steht jetzt für das Scheitern dessen, was manche gern als Kuschelpädagogik bezeichnen. Dabei lohnt es sich bei den neuen Schulen, genauer hinzuschauen. Denn sie rücken in der Tat den Willen der Kinder in den Mittelpunkt des Lernens. Sie wollen dafür sorgen, dass die Kinder möglichst selbst in ihrem Lernen aktiv werden. Aber, logisch, nicht ganz allein. Dieses Lernen soll mehr Spaß machen – aber mit Kuscheln hat das nichts zu tun.

“Wir holen das Maximum aus jedem Schüler heraus”, sagt Ulrike Kegler, die Leiterin der Montessorischule in Potsdam und eine der wichtigsten Protagonistinnen des neuen Lernens. Wie geht das? Indem der Frontalunterricht zur Ausnahme wird und die schülerzentrierten Lernformen zur Regel. Dazu gehören Freiarbeit, Wochenpläne und Schülerprojekte, in denen die Neugier der Kinder die zentrale Rolle spielt. Ist das wie bei Nena? Kann man schlecht sagen, denn keiner, der über Nenas Schule schrieb, hat ein solches Projekt erwähnt. Aber die Projekte der tollen Schulen enden in der Regel nicht, weil die Kinder nicht mehr wollen, sondern sie enden lange nach Schulschluss und meist viel später als geplant: Weil die Kids mehr wollen als ihre Lehrer, weil sie Feuer gefangen haben.

Zum Beispiel in der Reformschule Hamburg-Winterhude. Sechs Wochen pro Jahr arbeiten Schüler der Achten und Neunten dort an Aufgaben, die sie sich selbst gestellt haben. Ein Junge recherchierte bei der Fußball-WM, wie Fußbälle in Kinderarbeit entstehen. Er berichtete hinterher nicht nur über die unmenschlichen Bedingungen, unter denen Kinder in Pakistan die Bälle fertigen. Er nähte eigenhändig einen Fußball zusammen. Eine Mitschülerin schrieb, komponierte und spielte derweil ein eigenes Musikstück – und produzierte es anschließend in einem Profi-Studio. Die Ergebnisse der Projekte werden vor vierhundert Zuschauern vorgeführt – denn dann sieht die ganze Schule zu, inklusive Eltern und Freunden. “Jeder Schüler weiß, das ist nicht irgendeine Präsentation”, sagt Schulleiter Martin Heusler, “das ist unsere große Leistungsshow.”

Schulen mit so faszinierenden Ergebnissen finden wir inzwischen in ganz Deutschland. Denn die pädagogische Revolution hat längst begonnen. Die neue Zauberformel heißt individuelles Lernen statt Frontalunterricht, heißt selbständig an Schülerprojekten arbeiten statt “Schlagt bitte alle Seite 35 auf”. Und so sieht man in Friedrichshafen am Bodensee Hauptschüler um acht Uhr früh in ihre Klasse kommen, die wie von unsichtbarer Hand geführt an ihren Platz gehen, und an ihrem Projekt weiter arbeiten. Man sieht in ganz Deutschland, wie LehrerInnen in jahrgangsgemischten Klassen immer wieder neue kleine Lerngruppen zusammenstellen. Und man sieht oft das alles nicht mehr, was wir mit Lernen verbinden: Ein Klassenzimmer, ein Pult, einen Lehrplan, den der Lehrer vorne vor den Kindern abspult. In Berlin etwa in der Hannah-Höch-Grundschule hat der Rektor zusammen mit Architekturstudenten die Wände aus den Klassenzimmer gerissen. Jetzt gibt es Lernetagen, in denen Kinder und Lehrer zusammen lernen – aber fast nie frontal. Wenn in der Höch-Schule Besucher fragen, wo wird hier eigentlich gelernt, dann tippt sich der Rektor an die Stirn und sagt: “Hier oben.”

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Eine Reaktion zu „Wir lernen auch anders! Forntalunterricht adé.“

  1. Von drumhead

    Vielleicht sind ja vierzigjährige Zausel aus einer ganz anderen Generation, aber ich frage mich manchmal ob “Frontalunterricht” vielleicht deshalb so abgesagt ist, weil es im schlagwortverliebten Medienbetrieb gut kommunizierbar ist und sich alsbald gewissermaßen magnetisch auf alle schlechten Schulerfahrungen des Publikums drauflegt. Vielleicht ist da bei mir etwas nicht in Ordnung, aber ich bin mit Frontalunterricht eigentlich immer ganz gut zurecht gekommen, sogar besser als mit offenen Strukturen, wo ich mich immer bemühen musste, die eigentliche Botschaft herauszufinden. Beim Französisch (”Wir sprechen einfach mal und verbauen uns nicht den Zugang mit Grammatik und Vokabelpauken) ging gar nichts. Bei sehr anschaulichen Projekten habe ich mich immer gelangweilt, weil ich nicht einen ganzen Tag durch die Stadt laufen muss, um das Wesen von Brücken zu verstehen. Sicher ist das bei jedem unterschiedlich, aber ich habe den Eindruck, dass mit zunehmender “Projektisierung” zwangsläufig die vermittelte Informationsdichte abnimmt. Da ist es dann kein Wunder, wenn man in zwölf Jahre nicht mehr alles reinkriegt. Am Ende - da haben Sie mit der Spiegel-Online-Geschichte ganz recht - wird Schule aber auch überschätzt. Pfiffige Kerlchen kommen immer gut durch die Welt, weil immer dazulernen und als Mensch überzeugen, auch wenn sie keine Elite-Stempel in ihrer Bewerbungsmappe haben. Komisch, dass so viele Eltern das vergessen - vielleicht weil Erwachsenen die “neumodischen Zeiten” irgendwie bedrohlich erscheinen.

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