Putin und das „lästige“ Fernsehen

Im August 2000 passierte etwas, das weder mit NTV noch mit Gussinski oder Gazprom etwas zu tun hatte, den weiteren Gang der Dinge aber wesentlich beeinflusste. Am 12. August sank das U-Boot Kursk in der Barentssee. Die Besatzung war nach der Havarie noch einige Tage am Leben. Aber kein einziger Mann konnte gerettet werden.

Die Medien stürzten sich auf Präsident Putin. Zum ersten Mal seit seiner Wahl hagelte es von allen Seiten Kritik. Vor allem warf man ihm vor, dass er nicht sofort seinen Urlaub abgebrochen hatte, als er von der Tragödie erfuhr.

Die Fernsehreporter prangerten an, dass die Behörden die Havarie zu lange totgeschwiegen hatten, viel zu spät mit den Rettungsarbeiten begannen und erst nach längerem Zögern ausländische Spezialfirmen hinzuzogen, die die Besatzung hätten retten können. Am 22. August traf Putin in Widjajewo, dem Heimathafen der Nordmeerflotte, ein, um mit Angehörigen der Verunglückten zu sprechen. Das war sicher die schwerste und unangenehmste Begegnung seiner ganzen Präsidentschaft. Blind vor Gram und Zorn schrien Familienangehörige den Präsidenten an und warfen ihm Tatenlosigkeit vor. Dabei beriefen sie sich auf die Berichte des Fernsehens.

»Das Fernsehen? Das lügt!«, antwortete der Präsident mit unterdrücktem Zorn. »Es lügt und lügt. Dort gibt es Leute, die haben zehn Jahre lang gegen die Armee und die Flotte gehetzt, wo jetzt Menschen umkommen. Heute spielen sie sich als Verteidiger derselben Armee auf. Aber auch damit wollen sie sie nur diskreditieren und endgültig kleinkriegen. Jahrelang haben sie Geld zusammengestohlen, und jetzt glauben sie, sie könnten dafür alles und jeden kaufen!«

Das Fernsehen war bei dieser Begegnung nicht zugegen. Aber NTV und ORT zeigten jeden Tag die gramgebeugten Angehörigen der Männer der Kursk, die ihre Anklagen ohne Scheu wieder und wieder in die Kameras schrien.

Das Verhältnis des Kreml zu Boris Beresowski, der Putin noch vor kurzem aktiv unterstützt hatte und selbst gegen Gussinski kämpfte, war bereits gestört. Schon vor dem Untergang der Kursk war die Rede davon gewesen, dass Beresowskis Fernsehsender ORT wieder staatlich kontrolliert werden müsse. Die Tragödie beschleunigte diesen Prozess. Einen Monat später hatte der Kreml ORT fest in der Hand. Der Oligarch Roman Abramowitsch hatte Beresowski das Kontrollaktienpaket abgekauft und dem Staat übergeben.

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