Gas für Mitteleuropa ohne Gazprom?

Am Montag dieser Woche ist der usbekische Präsident Islam Karimow in Moskau eingetroffen. Wichtigstes Thema der Gespräche mit Wladimir Putin ist die Gasfrage, genauer gesagt: Preiserhöhungen für Gas und die Streitigkeiten über den Transit von turkmenischem Gas. In jüngster Zeit hatte die usbekische Seite Forderungen an Russland gerichtet – die, wie sich vermuten lässt, durch Putin abgeschmettert werden sollen.

Am 27. Dezember 2007 hatten Gazprom und der usbekische Erdöl- und Gas-Konzern Usbekneftegaz eigentlich den Gaspreis sowie die Transitgebühren für 2008 festgelegt. Ende Januar hob allerdings Kasachstan den Transitpreis von 1,1 Millionen auf 1,4 Millionen Dollar an.

Die Entscheidung Astanas (Hauptstadt Kasachstans) konnte Taschkent nicht gleichgültig lassen. Und so beschloss Islam Karimow, dem Beispiel des Nachbarlandes zu folgen und ebenfalls den Transitpreis zu erhöhen. Übrigens wird Usbekistan, wie Kasachstan und Turkmenistan auch, von 2009 an sein Gas nach einer einzigen Preisformel berechnen, die von den Gasfirmen der genannten Länder nicht offen gelegt wird. Anlass ist jedenfalls gegeben, sich Gedanken zu machen über die heftige Anhebung des Preises auf mindestens 195 Dollar pro tausend Kubikmeter – hat doch vor einer Woche die chinesische Erdölfirma PetroChina erklärt, dass man in Turkmenistan Gas zu eben diesem Preis kaufen wolle.

Einen weiteren Unsicherheitsfaktor in Zentralasien bildet der Start des Projekts „Nabucco“. So heißt die Gasleitung, deren Bau aktiv von der EU unterstützt wird. Sie soll von Zentralasien nach Europa führen – unter Umgehung Russlands. In diesen Tagen gaben der deutsche Energieversorger RWE und die französische Firma Gaz de France bekannt, dass sie sich an diesem Projekt beteiligen wollen. Auch Aserbaidschan und Turkmenistan melden Interesse an: Bereits bekannt ist, dass der turkmenische Präsident Gurbanguli Berdymuchamedow in der ersten Hälfte dieses Jahres Baku einen Besuch abstatten wird. Die Beziehungen zwischen den beiden Ländern, die das Kaspische Meer trennt, waren immer äußerst angespannt. Sie waren bislang das Haupthindernis einer Gasleitung durch das Kaspische Meer – als möglichem Bestandteil des Nabucco-Projekts. Mit dem Besuch von Berdymuchamedow könnte dieses Hindernis aus dem Weg geräumt werden. Darüber hinaus hat der turkmenische Präsident bereits versprochen, in nächster Zukunft eine Prüfung der Gasvorkommen in seinem Land vornehmen zu lassen. Damit wäre eine sehr wichtige Bedingung der Europäer für die Realisierung des Nabucco-Projekts erfüllt.

Und so könnten bereits in den nächsten Monaten alle Voraussetzungen für den Bau der Gasleitung, die nicht durch russisches Gebiet führt, gegeben sein. Moskau hingegen ist ganz offensichtlich daran interessiert, den Fortgang des Projektes um jeden Preis zu stören. Die einzige Möglichkeit für Russland, es im Keim zu ersticken, wäre der komplette Aufkauf des mittelasiatischen Gases.

Das hat Islam Karimow verstanden! Das Gefühl von Wichtigkeit und Stolz, aber auch der Neid auf die Nachbarn – die Führer Kasachstans und Turkmenistans – wird ihn eines Tages noch teuer zu stehen kommen. Der zwischen Turkmenistan und China verhandelte Preis von 195 Dollar pro tausend Kubikmeter wird ganz offensichtlich der einzige Gradmesser für Karimow sein. Und Gazprom wird gezwungen sein, diesen Preis zu bezahlen!

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