Nach der Wende
Vor ein paar Tagen war ich in einer Autobahnraststätte in Thüringen und musste an eine alte Geschichte denken, fast 18 Jahre her. Es war in einer Raststätte an der einstigen Transit-Autobahn nach Berlin, ein paar Monate nach der Wende. West- und Ostdeutsche waren da bunt gemischt. Ich saß alleine in einer Ecke und spielte das Spiel: Wer kommt wohl von wo? Mit Adlerblick schaute ich herum, vielleicht mit arg ernstem Gesicht. An einem Tisch sahen sich die Menschen immer wieder nach mir um und musterten den Beobachter in der Ecke, unsicher, fast ängstlich.
Als sie aufstanden und zum Auto gingen, sah ich ihnen hinterher: Sie stiegen in einen Wartburg. Aha, dachte ich mir, die waren also aus dem Osten.
Mag sein, dass ich da überpenibel beobachtet habe. Aber mir war so, als ob damals bei einigen ehemaligen DDR-Bewohnern das alte Unbehagen tief im Bauch noch da war: beobachtet werden, bespitzelt werden. Inzwischen muss keiner mehr Angst haben vor Denunziation, vor Schikanen und Kontrollen.
Auch wenn es wirtschaftlich nach wie vor ein Risiko ist, zwei Länder so zusammenzulegen, wie es Deutschland Ost und Deutschland West passiert ist; auch wenn es immer wieder deutsch-deutsche Empfindlichkeiten geben wird – ist die Freiheit, ohne Angst miteinander reden und sich treffen zu können, nicht jeden Preis wert? Ich bin überzeugt: Alle Deutschen haben wir hier etwas zu feiern und können dankbar sein. Auch wenn einige sagen, im Westen ginge die Freiheit nur so weit, wie das Geld reicht. Nein, das Wort Freiheit soll niemand lächerlich machen.


